In Verbindung mit dem EMNID-Institut für Meinungsforschung hat der Bertelsmann Verlag eine Studie publiziert, die nicht nur dem Buchhandel, für den sie eigentlich bestimmt ist, etwas zu sagen hat (Rolf Fröhner: „Das Buch in der Gegenwart“). Es kommt zwar, dem Hauptinteresse des Auftraggebers entsprechend, bei vielen der dem „Volk“ gestellten Fragen „Bertelsmann Lesering“ heraus (kein Wunder, hat er doch etwa ebenso viele Mitglieder wie die übrigen Buchgemeinschaften im deutschsprachigen Raum zusammen), und manche anderen Auskünfte sind wohl erheiternd oder beruhigend, aber irrelevant – wie zum Beispiel die Feststellung, daß die meisten Leute, die den Wunsch nach „Entspannung“ verspüren, vernünftigerweise schlafen gehen oder faulenzen.

Daneben aber teilt er mit demoskopischer Exaktheit eine Menge Fakten mit, welche die Literaturbeflissenen, die im Eifer ihrer Gefechte allzu leicht vergessen, daß ihre Welt nur eine dünne Kruste über der Masse des Illiteratentums ist, sich ruhig gelegentlich vor Augen halten sollten.

Es ist zum Beispiel Mode, die Buchgemeinschaften nach allen Regeln der Kunst abzukanzeln, weil sie den Leser ans Gängelband nähmen und einen „präformierten Geschmack“ durchsetzten; Vorwürfe, die von der falschen Annahme ausgehen, das literarische Leben könnte normalerweise (wären nur die Störenfriede und Verführer nicht) überall jene Hitzegrade erreichen, die es in den Kreisen jener Kritiker tatsächlich hat. Eigentlich, sollte man meinen, müßte nicht erst die empirische Soziologie kommen, um diese Illusion zu zerstören. Es gehört schon viel rhetorischer Schwung zu der Behauptung, die Buchgemeinschaften verführten die Leute dazu, sich ihrer kostbaren Freiheit zu begeben – denn die Masse der Bevölkerung, der große geistige Mittelstand, aus dem sich die Mehrzahl der Millionen „organisierter Leser“ rekrutiert, weiß von dieser seiner Freiheit gar keinen Gebrauch zu machen.

Nehmen wir ein paar Zahlen, die Fröhner ermittelt hat. Für immerhin 30 vH der deutschen Bevölkerung bedeutet Lesen die liebste Freizeitbeschäftigung; nach Berufsgruppen aufgeschlüsselt: für 42 vH der Angestellten, 41 vH der Beamten, 32 vH der Rentner, 30 vH der Selbständigen, 25 vH der Arbeiter und 20 vH der Landwirte, oder nach der Schulbildung: für 44 vH der Abiturienten und Akademiker, für 43 vH der Leute mit mittlerer Reife und – hier liegt die große Zäsur – für 25 vH jener mit Volksschulbildung.

„Lesen“ – das schließt Zeitungen, Illustrierte, Groschenhefte und alle Arten von Büchern ein. Immerhin, näher befragt, was sie denn läsen, wenn sie einmal lesen, nannten 54 vH unter anderem auch Bücher. Was für Bücher? Nur 11 vH lasen irgendwie qualifizierte Literatur (Dichtung, Zeitkritisches, historische Romane), nur 5 vH irgendwelche Sach-, Fach- oder Lehrbücher.

Als Grund für ihr Desinteresse am Lesen nannten 47 vH Zeitmangel, 24 vH einfach mangelnde Lust – und nur 1 vH fehlt das Geld.

Was den Buchpreis anbelangt: es waren sehr wenige (etwa 20 vH), die einen Buchpreis von mehr als 12 DM noch zumutbar fanden.