J. K., Paris, Ende März

Wem soll bei einer künftigen französisch-algerischen Verständigung die Sahara zugesprochen werden? Diese Frage wird in den bevorstehenden französisch-algerischen Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen.

Nach französischer Ansicht sind die Sahara-Gebiete seit 1957 von Algerien getrennt als für sie eine eigene, direkt Paris unterstehende Verwaltung, die „Organisation commune des regions sahariennes“ (O. C. R. S.), geschaffen wurde. Schon der Name „gemeinsame Organisation der Sahara-Gebiete“ besagt jedoch, welche Entwicklung Staatspräsident de Gaulle vor vier Jahren für diese Gebiete voraussah. Der Generaldelegierte der O. C. R. S., Guichard, hat es dieser Tage zum erstenmal auch offiziell ausgesprochen: „Die O. C. R. S. ist eine Organisation mit internationaler Berufung und französischen Kadern

Was man in Paris unter der „internationalen Berufung“ versteht, liegt noch etwas im dunkeln. In der Erkenntnis, daß die Sahara keinen direkten Zugang zum Mittelmeer hat, der Absatz ihrer Reichtümer also eine Verständigung mit mindestens zwei der Mittelmeerländer – Algerien und Tunesien – voraussetzt, würde man in Paris die Errichtung eines französisch – afrikanischen Kondominiums über die Sahara-Gebiete mit Beteiligung aller Anliegerstaaten als die beste Lösung ansehen. In zweiter Linie erwägt man die Möglichkeit, die Sahara-Gebiete einer übernationalen Behörde – etwa nach dem Vorbild der Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft – anzuvertrauen.

Die Algerier gehen von dem Grundsatz aus, daß die Sahara immer zu Algerien gehört hat, wie dies in jedem französischen Schulbuch zu lesen sei, und daß daher die Sahara automatisch in jede Algerien-Lösung einbezogen werden muß. Die Ausbeutung der Reichtümer in der Sahara sei eine andere Frage, die leicht zu lösen sein werde, wenn die Souveränität des künftigen algerischen Staates über die Sahara erst einmal anerkannt sei. Die Führer der Algerier sind jedoch klug genug zu wissen, daß die Erschließung und Ausbeutung der Sahara-Reichtümer ohne die technische und finanzielle Mitwirkung Frankreichs nicht möglich ist.

Als Absatzgebiete für das Sahara-Erdöl und das Erdgas kommen auf Jahre hinaus voraussichtlich nur Frankreich und seine europäischen Partnerstaaten in Frage. Damit hat Paris eine sehr starke Position in den künftigen Verhandlungen. Außerdem sind die Führer der afrikanischen Randstalten der Sahara, vor allem der Tunesier Bourguiba, viel eher an der französischen Lösung eines Kondominiums als an einer algerischen Souveränität über die Sahara interessiert, weil die französische Lösung größere finanzielle Vergünstigungen und gewisse Möglichkeiten für Grenzberichtigungen verspricht.

Es ist eine äußerst heikle Sache, den Umfang der Sahara-Reichtümer abschätzen zu wollen. Die bisher erschlossenen Erdölgebiete werden in diesem Jahr ungefähr 18 Mill. Tonnen fördern, also etwa die Hälfte des französischen Bedarfs. Die gesamten Reserven werden mit 600 bis 800 Mill. Tonnen angenommen. Doch birgt die Produktion häufig Überraschungen. So mußte beispielsweise im Gebiet von Hassi-Messaoud, dessen Reserven auf 400 Mill. Tonnen geschätzt werden, der Druck der Erdölbrunnen schon jetzt durch Gasinjektionen erhöht werden.