Die „Sixtinische Madonna“ ist nach Dresden zurückgekehrt, und die Museumsinsel in Ostberlin zeigt wieder den Pergamon-Altar. Die nach Kriegsende in die Sowjetunion entführten Kunstschätze aus deutschem Besitz sind an ihren früheren Plätzen. Sie werden gepflegt. Hunderttausende besichtigen sie. Man hielt dieses Kapitel für abgeschlossen. Über seinen unerfreulichen Anfang wuchs Gras, und man war froh darüber.

Da führt die DEFA in Ostberlin den deutschsowjetischen Gemeinschaftsfilm „Fünf Tage – fünf Nächte“ auf, in dem die Odyssee deutscher Kunstschätze nacherzählt und wieder aktualisiert wird. Als Spielfilm mit dokumentarischem Hintergrund behandelt er die Ereignisse vom 8. bis 12. Mai 1945 in Dresden: Russeneinmarsch, Bildersuche, Bildersammeln und Abtransport.

Das ist eine spannende Geschichte. Dennoch verläuft sie ohne rechte Spannung, eher gedämpft, zerdehnt, verfälscht. Das Bemühen um Objektivität bei der Darstellung der beteiligten Deutschen ist zwar deutlich. Aber die Sowjetmenschen? Ach, wären sie nur so gewesen! Obwohl wir auch verstehen, warum sie damals nicht so waren, nicht so sein konnten: edel, hilfreich und gut. Aber lassen wir die menschlichen Konflikte außer acht. Uns interessierte mehr, welche falschen Interpretationen der Film zur posthumen Verherrlichung des Kunstraubes aufweist.

Zunächst stimmt es. Ein sowjetischer Suchtrupp begann 1945 sofort nach dem Einmarsch der Roten Armee in der Dresdner Trümmerwüste mit systematischen Nachforschungen nach den Museumsschätzen. Alle Galeriegebäude waren zerstört. Die Deutschen führten teils unter Zwang, teils freiwillig die Russen zu den Auslagerungsorten. Es ist richtig, daß eine Kunstwissenschaftlerin im Majorsrang, Frau Dr. Sokolowa, und ein Restaurator, S. Tschurakow, diese Suche überwachten und sich um die Kunstwerke kümmerten.

Dann aber wird behauptet, die meisten der eingesammelten Gemälde seien in einem so schlechten Zustand gewesen, daß sie im zerstörten Dresden nicht hätten restauriert werden können. Die sowjetischen Experten empfahlen deshalb, die Bilder nach Moskau und Leningrad zu schaffen, um sie zu retten. Dieser Vorschlag wurde befolgt. Um zu beweisen, daß dies nötig gewesen sei, werden einige Auslagerungsorte gezeigt: ein feuchter Eisenbahntunnel, ein überschwemmtes altes Bergwerk, eine Rumpelkammer auf dem Dachboden eines Schlosses, wo sich zum Überfluß eine Verfolgungsjagd mit Schießerei abspielt. So, wie die Gemälde gezeigt werden, wären sie aufs äußerste gefährdet gewesen. Aber war es wirklich so?

Wie in allen deutschen Städten waren auch in Dresdeii bei Kriegsbeginn die Museen geschlossen und die Bestände im Verlauf von fünfeinhalb Jahren auf etwa 60 Außendepots verteilt worden. Den Luftangriffen auf Dresden fielen rund 170 Bilder zum Opfer, die zufällig auf dem Wege in ein anderes Depot in einem Möbelwagen auf dem Terrassenufer standen. Einige Großformate zweiter Garnitur verbrannten im Schloß und in Behördenräumen. Die Auslagerungsorte aber wurden von Museumsangestellten kontrolliert und waren zum Teil mit Klima-Anlagen versehen. Lediglich das stillgelegte Bergwerk Pockau-Lengefeld litt stark unter Feuchtigkeit. Schloß Weesenstein beherbergte die Bestände des Kupferstichkabinetts und wertvolle Gemälde. Es sollte von einer SS-Einheit verteidigt werden, die jedoch das Weite suchte, als der Direktor und seine Frau den Russen mit einem Bett-Tuch entgegenliefen, und das Schloß übergaben. Die Festung Königstein, Refugium des weltberühmten „Grünen Gewölbes“, wurde unbeschädigt von den Sowjets besetzt. Auch die Bilder im Tunnel bei Rottwernsdorf nahe Pirna, darunter die „Sixtinische Madonna“, waren unversehrt.

Wäre Rettung allein das edle Motiv des Abtransportes gewesen, so hätte es ja genügt, die tatsächlich gefährdeten Bilder in sowjetische Museumsobhut zu nehmen. Alle übrigen Kunstschätze hätten in Schlössern der Dresdner Umgebung, wie Pillnitz, Moritzburg oder Weesenstein aufbewahrt werden können. Der Film verschweigt, daß die Russen alle Kunstschätze abtransportierten: die Millionenobjekte des „Grünen Gewölbes“, die Historische Sammlung, die Münzsammlung, den größten Teil des Kupferstichkabinetts. Er verschweigt, daß aus Städten wie Gotha, Dessau, Leipzig die Kunstsammlungen grundlos weggeführt wurden. Und er verschweigt, daß auch die in sowjetische Hand gefallenen Berliner Kunstschätze in die Sowjetunion gebracht wurden, darunter so schwierig zu bewegende Stücke wie die Skulpturen vom Pergamon-Altar. Die Russen äußerten sich damals mit keinem Wort über die Gründe des Abtransportes und ließen uns lange im Ungewissen, ob sie die Kunstwerke jemals zurückgeben würden. Überraschend begannen sie am 1. April 1955 mit der Rücksendung.