Man muß seiner Wohnung gewachsen sein – Individuell trotz Serienmöbel Der Drang zum Dekor – Kitsch versüßt das Leben

Von Manfred Sack

Wer merkt’s denn schon, wenn ein bißchen gemogelt wird; daß beim "Sarg mit Beinen", dem vermutlich unausrottbaren kombinierten Wohnzimmerschrank mit dicken, geschweiften Füßen, mit gelbem Reliefglas und geil blinkendem Messingraster irgendein Holz auf Nußbaum, Eiche oder – warum nicht – Teak gebeizt wird; daß das Wohnzimmer im reformierten englischen oder altdeutschen Stil mit Wurmlöchern "geadelt" wird, die nicht von Würmern, sondern von Menschen erzeugt worden sind. "Geschmackloses Machwerk" – sagen unumwunden die Architekten; "Publikumsgeschmack" – sagen die Hersteller.

"Der Mut zum Guten", klagte ein junger niederländischer Entwerfer, "ist bei den Kaufleuten verkümmert"; "Pioniergeist", erwiderte ihm unverzüglich ein Fabrikant, "bedeutet Risiko, kostet Geld; wollen Sie’s bezahlen?" Und ein deutscher Architekt stöhnte: "Es ist fürchterlich schwer, für gute Möbel und rechtes Wohnen zu werben. Die Möbelhändler fragen ihre Verkäufer am Ende des Tages, was sie umgesetzt haben. Sind’s, sagen wir, 15 000 Mark, sind sie zufrieden; womit, ist ihnen egal." Und die jungen Verkäufer, denen allenthalben gepredigt wird, sie hätten es mit "Kulturgütern", mit "Wohnkultur", mit "modernem Stil" und "formguten" (oder -schlechten) Dingen zu tun – ohne recht zu wissen, was davon Fug oder Unfug ist –, sie kämpfen vielfach mit den Kunden, als gelte es, eine Bastion für den guten Geschmack zu erstürmen, vor allem mit jener Masse von Kunden, die noch unsicherer sind – als sie selbst.

Der ratlose Käufer

Geschmacksunsicherheit, dieses aufgetürmte Wort unserer Zeit, es schleicht wie ein Nebel durch Einrichtungshäuser, Architektenbüros und Journale, und niemand weiß, ob er sich hebt oder senkt. In einem Kölner Möbelhaus sagte dieser Tage ein Käufer in einer temperamentvollen Diskussion, an der ein Architekt, ein Entwerfer, ein Hersteller, einige Verkäufer und "Verbraucher" teilnahmen: "Wissen Sie, man muß uns wie Kinder an die Hand nehmen, man muß uns leiten, uns helfen, damit wir es richtig machen." In seiner Ratlosigkeit rief er gar nach dem Staat, der mehr für die Wohnkultur tun müsse, vielleicht das Innenministerium Er hatte auch einige Patentrezepte aus Zeitschriften, die er ohne Arg wie eine Krücke auf dem Weg durch das Gewimmel fremder Ansichten benutzte.

"Wohnkultur", sagt der Schweizer Kunsthistoriker Lucius Burckhardt, "fällt nicht vom Himmel; auch das Wohnen will gelernt sein." Wo lernt es "das Publikum"? Es wendet sich an seine Berater, die ihm für achtzig Pfennig die Woche oder einsfünfzig im Monat in Gestalt von Wohn-, Frauen- und Familienzeitschriften ins Haus gebracht werden und die, ohne sich mit dem Individuum abgeben zu können, für ihn feile Dutzendrezepte drucken, für den Kochtopf, die Seele, die Nähmaschine, die Schönheit, die Tiere – und für die Wohnung: Querstreifen verbreitern, Längsstreifen verlängern, Wohninseln sind gemütlich, grell gemusterte Teppiche fordern sanfte Vorhänge, eine rote Wand belebt, und Weihnachten geht man "einkaufen" und sammelt für viel Geld die Erzeugnisse jenes Kunstgewerbes, das seine Branche so in Verruf gebracht hat – man dient der Kultur (meint man), und es verkauft sich (weiß man): Die Nachfrage ist bedeutend. Doch die Ratlosigkeit bleibt.