Sozialistische Kritik am Wandschmuck eines Urlauberdampfers

an., Wismar

In der Wismarer Mathias-Thesen-Werft und in einigen anderen Zonenbetrieben packen jetzt 380 Aktivisten die Koffer. Sie sollen die ersten Passagiere des Urlauberschiffs „Fritz Heckert“ sein, das am 1. Mai von Wismar aus zu seiner Jungfernfahrt nach Riga, Leningrad und Helsinki in See gehen soll.

Die Probefahrt hat die „Fritz Heckert“ bereits überstanden. Und die Funktionäre, die aus Ostberlin in die Wismarer Werft kamen, waren des Lobes voll über den 7400-Tonner, über dessen acht Decks sich zwei windschnittige Abgasrohre an Stelle des Schornsteins erheben. Die Kollegen vom FDGB-Bundesvorstand überboten sich auch im Lob auf die Spendenfreudigkeit der Gewerkschaftsmitglieder und der mitteldeutschen Betriebe, die den Bau dieses roten Nachfolgers der KdF-Schiffe mit rund 29,5 Millionen Ostmark und zahlreichen Sachspenden und Sonderschichten finanziert hatten.

„Billige Malerei“

Freilich hatten nicht nur eitel Freude und Zufriedenheit den Bau dieses Schiffs begleitet, das im November 1959 auf Kiel gelegt worden war. Da hatte es zum Beispiel Ärger um das Wandbild in der Mannschaftsmesse gegeben. Die Fachschule für angewandte Kunst in Berlin-Oberschöneweide hatte die Anfertigung übernommen, um ihren Beitrag zu dem FDGB-Urlauberschiff zu leisten. Mehrere Monate werkten Studentengruppen unter Leitung des SED-Schuldirektors Werner Nerlich und einiger Dozenten an dem großflächigen Opus, das einen ausfahrenden, die „sozialistische Heimat“ mit einem Fernrohr betrachtenden Seemann zeigt. Bei der Ausdehnung dieses Motivs über fünf Bildtafeln konnte nicht ausbleiben, daß der Matrose seine symbolträchtige Existenz nur auf dem äußersten linken Ende, fristet, während die Abschilderung „sozialistischer Errungenschaften“ und mitteldeutscher Sehenswürdigkeiten den weit größeren Raum beansprucht.

Die Mühe erwies sich als Fehlinvestition. Kaum waren die Tafeln an die Messewand geschraubt, als Werftarbeiter und künftige Besatzungsmitglieder zu herber Kritik an der 30-Quadratmeter-Dekoration anhüben. Genosse Nehrlich wurde mit einigen Mitarbeitern nach Wismar beordert, um eine „klärende Aussprache“ zu führen.