Ein Zeitfilm, ein realistischer Film, ein psychologisches (nicht etwa ein psychisches) Drama, eine Paraphrase über die Lebensangst und gar ein moralischer Film – diese Last programmatischer Begriffe, die Helmut Käutners neuem Film „Schwarzer Kies ziemlich schief aufgeladen wurden, ist nicht nur beschwerlich, sie ist die Ursache für ein Unglück: Sein Film ist weder das eine noch das andere ganz; er ist ein durchschnittlicher Kriminalfilm mit einer langweiligen Polizei. Der Bösewicht richtet sich selbst – und nicht einmal dieses Wort stimmt hier. Was sagt Käutner, der Regisseur? „Mein Film soll ‚eine Scheibe Leben‘ sein.“ Ein Stückchen konstruierten Lebens ist’s, arg zurechtgemacht für einen Film, dem eine Mission zugedacht war: Er sollte „aufrütteln“ und vor schlimmen Sachen warnen. So wurde er auch verziert mit ein paar Andeutungen gegen den Krieg und gegen den Antisemitismus und vielem, vielem anderen dazu. Nichts in diesem überladenen Film ist zu Ende gedacht.

Dieses „Stück Leben“ glaubt Käutner, der zusammen mit Walter Ulbrich auch das Drehbuch verfaßt hat, in der Landschaft des Schinderhannes gefunden zu haben, im Taunus, wo es viele kleine Dörfer gibt, die zu Lasterhöhlen geworden sind. In der Umgebung wohnen in eigenen Siedlungen Amerikaner, die in eben dieser Gegend auch einen Startplatz für Düsenjäger und Raketen bauen – unter anderem auch mit Kies. Einer der Kiesfahrer weiß seit Kriegsende, daß es sich mit schwarzen Geschäften (Kies) gut leben und gut verdienen läßt (selbst einen ganzen Lastwagen).

Käutners Anspruch auf „dokumentarische Echtheit“ und auf die Darstellung der „Wirklichkeit“, die auch die unsere sein soll, ist anmaßend. Nahezu alle Figuren dieses Filmes sind Filmtypen, und sie leben und lieben, handeln schwarz und raffen Geld, sind lebensängstlich, moralisch und unmoralisch wie eh und je im Kino: Der Lastwagenfahrer, der rührende Erkenntnisse zum besten geben muß, ist natürlich von der Zeit verdorben worden. Er fährt ein natürlich unschuldiges Liebespaar (einen amerikanischen Soldaten und eine junge Deutsche) tot. Natürlich sind Polizei und Geheimdienst so dumm, zu vermuten, jenes Pärchen sei im Osten und nicht unterm Kies verschwunden. Zur „Wirklichkeit“ gehört natürlich, daß ein Greis, der an der Musikbox Marschmusik hört und vom Herrn Wirt deswegen ausgeschimpft wird, das Wort Saujud fallen läßt (worauf die Kamera die KZ-Nummer am Unterarm des Juden zeigt). Und natürlich hat moralisches Leben keinen Sinn, weil Raketenplätze ja doch den Krieg alsbald verheißen. So entstand ein melodramatischer Reißer, den schon der Inhalt verdorben hatte, noch ehe er gedreht worden ist.

Wie die Handlungsvorlage, so die Regie Helmut Käutners, dessen Meisterhand nur an wenigen Stellen spürbar ist. Die Regie ist effektvoll, üppig, dick aufgetragen. Die Figuren sind keine Menschen – bis auf zwei: Wolf gang Büttner als feiger Komplice des Kiesfahrers, und Anita Höfer als kleines Flittchen. Sie geben die besten Leistungen in diesem Film. Sehr begabt, aber von der Regie in die Vorlage gepreßt, sind Helmut Wildt als Kiesfahrer und Ingmar Zeisberg als seine Freundin. Dem Kameramann Heinz Kehl gelangen im ersten Viertel des Filmes einige ausgezeichnete Milieuaufnahmen, m.s.

Nach der Uraufführung des Films hat der Zentralrat der Juden Deutschlands Strafantrag gegen Käutner, Ulbrich und den Vorsitzer des Ufa-Vorstandes, Osterwind, gestellt. Generalsekretär Dr. van Dam glaubt, einige Szenen des Films beleidigten die Juden allgemein und die jüdische Gemeinde Deutschlands im besonderen; sie müßten entfernt werden. Käutner nennt diese Empfindungen Mißverständnisse; er habe im Gegenteil vor den Gefahren aufflackernden Antisemitismus’ warnen wollen.

Es gibt keinen Anlaß, an Käutners lauterem Bemühen zu zweifeln. Nur – sein Drang zum Moralisieren und Brandmarken war hier größer als die filmische Kunst, sie glaubwürdig darzustellen, in einem Film, der zuviel zu oberflächlich kritisiert.