Über die Zuckerinsel in der Karibischen See hallen die Schüsse einer neuen Revolution. Der politische Naturbursche Fidel Castro, der sich während zweier Herrschaftsjahre zum Diktator volksdemokratischer Observanz wandelte, muß sein Regime in verzweifeltem Kampf verteidigen.

Seit in der Frühe des Montagmorgens die Invasionstruppen an mehreren Stellen der kubanischen Küste an Land gingen, vernebeln widersprechende Erfolgsmeldungen das Bild der militärischen Lage. Nur soviel steht fest: Castro ist nicht stark genug, um die fünf- oder zehntausend Soldaten, die bislang gegen ihn angetreten sind, „ins Meer zu fegen“. Doch besteht kein Zweifel darüber, daß der Rückhalt des Herrn in Havanna gerade bei den Bauern und bei der ländlichen Miliz sehr viel stärker ist, als es seine Gegner wahrhaben wollen. Also ist auch mit einem „Blitzsieg“ der Invasionsstreitkräfte, mögen sie durch wohlvorbereitete Untergrundrebellen noch so wirkungsvoll verstärkt werden, schwerlich zu rechnen.

Je länger sich aber dieser zweite Dschungelkrieg auf Kuba hinzieht, desto größer wird die Gefahr, daß sich von diesem winzigen Krisenpunkt aus bedrohliche Unruhewellen über den ganzen Globus verbreiten. Schon hat Chruschtschow in einer persönlichen Botschaft an Präsident Kennedy die Vereinigten Staaten aufgefordert, die „Intervention“ unverzüglich zu beenden. Die UdSSR werde Kuba anderenfalls „alle notwendige Hilfe“ zur Verfügung stellen. Zwar war jetzt, im Ernstfall, von jenen Sowjetraketen nicht mehr die Rede, mit denen Moskau im vergangenen Jahr den karibischen Freund aus jeglicher Bedrängnis herauszuschießen versprach. Und doch ließ die Botschaft aus dem Kreml kaum einen Zweifel darüber, daß Chruschtschow es nicht mit leeren Protestfloskeln bewenden lassen wird.

Was immer er vorhat, was immer er androht, er wird es als eine Antwort auf die „unrechtmäßige Intervention“ Washingtons hinstellen, wird behaupten, die amerikanische Regierung versuche das unliebsame Regime vor der südlichen Haustür mit Gewalt zu beseitigen. Und da mag es den USA – trotz aller Beteuerungen Kennedys, Rusks und Stevensons – schwerfallen, einer skeptischen Welt den Unterschied zwischen offizieller Unterstützung der Rebellen oder gar offener militärischer Einmischung einerseits und „aktiver Toleranz“ andererseits hinreichend klarzumachen. Immerhin ist es nicht zu leugnen, daß die soeben gegen Castro angetretenen Landungstruppen, wenn auch nicht alle auf amerikanischem Territorium, so doch alle mit amerikanischer – privater – Finanzhilfe und zum Teil unter amerikanischer Anleitung auf den „Tag X“ vorbereitet worden sind.

In dieser verwirrenden Situation, die dem hämischen Wort vom Yankee-Imperialismus gerade in Lateinamerika wohl rasch neue Aktualität verleihen wird, ist es gewiß entscheidend, mit welchen politischen Vorstellungen der kubanische Revolutionsrat, der bislang in New York und Miami im Dunkeln wirkte, ins grelle Licht der Weltbühne tritt. Noch gar nicht lange ist es her, da wurden die mehr als 80 Anti-Castro-Gruppen, die außerhalb der Insel ihre Aktivität entfalteten, durch nichts anderes geeint als durch ihren Haß auf den Diktator. Erst im März kam mühsam ein Zusammenschluß – eben der Revolutionsrat – zustande, für den Miro Cardona, einst Castros erster Ministerpräsident, das wirkungsvolle Aushängeschild abgab.

Sollte es sich bewahrheiten, daß in diesem Revolutionsrat jene extrem reaktionären Gruppen, denen es lediglich um die Wiederherstellung der alten, beim kubanischen Volk verhaßten Herrschaftsordnung geht, keine Rolle mehr spielen, während der linke Flügel besonders stark ist, dann mag es für die neue Rebellion sehr schnell einen günstigen Ausgang geben.

Manuel Ray, der Führer dieses linken Flügels – von Washington seit einiger Zeit nachdrücklich gestützt – verficht die These, daß Castro die Revolution an den Osten verraten habe. Seine politische Rechnung für die Zukunft lautet: Ursprüngliche Revolution samt sozialer Neugliederung und vor allem Agrarreform minus Kommunismus.

Wenn die zweite kubanische Rebellion diese Rechnung unzweideutig als ihr politisches Program offenbart, dann werden Moskaus jüngste und recht unverdiente Propagandachancen schnell gemindert – und dies vor allem in Lateinamerika.

Hans Gresmann