Von Ernst Stein

An ihren Titeln sollt ihr sie erkennen, die Bücher. Das ist auch ganz in Ordnung so, denn die Kunst und das Geschäft erfordern beide, daß ein Buch einen guten Titel hat. Gekauft wird, sagen wir, in der Hälfte aller Fälle nach dem Titel; wenn er gut ist – manchmal ist er sogar das Beste am ganzen Buch – dient er dem Absatz und damit der Literatur. Aber wie das im Künstlerischen nun einmal ist, setzt schon hier der Zwiespalt ein: Soll der Titel alles verraten oder alles verschweigen, neugierig machen?

Die „Kritik der reinen Vernunft“ muß man erst lesen, um zu wissen, was gemeint ist (nur hat man es ohnedies schon vorher gehört und liest sie nicht); bei der „Kritik des Herzens“ kann man sich gleich alles denken (und liest sie doch). Wenn ein Buch schlicht „Die Sprache“ heißt – und mehr als ein Buch heißt so –, könnte man es für etwas Ähnliches wie Wilhelm Schneiders hocherbauliche Stilistische Grammatik halten, wenn es nicht von Karl Kraus wäre und man sich auf einen Band Kulturkritik gefaßt macht; heißt es dagegen mit nicht geheurer Schlichtheit „Landessprache“, so ahnt man, was man von dem schönbegabten Enzensberger an lyrischen Rippenstößen zu erwarten hat. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“ ist ein knalligerer Titel als „Der Kampf um Rom“, und sie verkaufen sich beide gut; der „Arme Heinrich“ ist ein besserer Titel als „Der grüne Heinrich“, aber sie gehen wohl beide schwach.

Einst, als die Bücher noch keine waren, hießen sie einfach die Geschichte vom Helden Roland oder das Lied von Gilgamesch. Nach jahrhundertelangen Umwegen über die Schwerfälligkeit des Mittelalters und die Schnörkel des Barocks, als der Titel eine volle Seite füllte, fand das 18. Jahrhundert wieder zum schlichten (keineswegs so schlichten) „Leben der schwedischen Gräfin von G.“ oder, noch kürzer, „Die Abderiten“ zurück – und seither hat sich das Nebeneinander der verdächtig knappen und der barock ausladenden Titel erhalten.

Die Geschichte des Buchtitels hätte längst eine Monographie verdient, denn sie ist eine Geschichte der Literatur und namentlich der Mode mit allen ihren Schwankungen und Mätzchen. Einen liebenswürdigen, wenn auch etwas dünnen Ansatz dazu gibt der in gediegenen Titeln erfahrene, bedeutende Erzähler

Werner Bergengruen: „Titulus – Das ist Miszellen, Kollektaneen und fragmentarische, mit gelegentlichen Irrtümern durchsetzte Gedanken zur Naturgeschichte des deutschen Buchtitels“; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 248 S., Abb., 14,80 DM,

der seine Bücherlisten um einen offenbar mit autobiographischen Zügen versehenen Bibliotheksbeamten namens Titulus gruppiert. Das Geheimnis der Titelbildung glaubt Bergengruen, nicht mit Unrecht, im Rhythmus zu finden; schließlich ist bei jeder Ware der gute Klang eines Namens für den Absatz maßgebend, beim Buch wie beim Mundwasser.