Ansbach

Es sollte eine „Ritterfahrt zur Eroberung der Herzen“ sein – und jetzt ist daraus ein bitterböser Streit geworden, der die „Edlen“ vom Stammtisch „Alte Pankgrafschaft 1381 von Wedding an der Panke bei Berlin“ vor den Kadi zu bringen droht. Sie stehen unter dem Verdacht des Meineides.

Dabei hatte es so herzbewegend begonnen: Am 13. Juni 1959 hatten Späher der Ansbacher Stadtwehr eine 180 Mann starke Streitmacht der Pankgrafen in braungrauem Wams, Pluderhosen, Stulpenstiefeln und Barett mit bunten Federn vor den Toren ihrer Stadt gesichtet. Um die „preußischen Feinde“ zu reizen, hingen die Ansbacher an ihr Rathaus kesse Petticoats, genau an jene Stelle, wo der Fehdehandschuh der Pankgrafen befestigt werden sollte.

Mit einer fünf Zentner schweren alten Kanone belagerten die Pankgrafen das jahrhundertealte Herrieder Tor, überrannten die Ansbacher Stadtwehr und paradierten schließlich unter den Klängen der Ansbacher Dragonerkapelle durch die Stadt zum Markgrafenschloß. Zum Zeichen der Kapitulation wurde den Pankgrafen ein 50 Zentimeter langer, sechs Pfund schwerer vergoldeter Stadtschlüssel überreicht. Das Fest ging mit einem Berliner Abend zu Ende, dessen Erlös den Armen der Stadt gestiftet wurde.

Wer hätte damals gedacht, daß diese pankgräfliche Ritterfahrt zwei Jahre später mit einem Prozeß enden würde? Die Pankgrafen, einst der größte aller Berliner Geselligkeitsvereine mit wohltätigem Charakter, ein ins Riesenhafte aufgeblähter Stammtisch mit Ritterkostüm und Ordenssatzung, hatten gewiß nichts Übles vor, als sie gen Ansbach zogen. Seit sie sich 1881 in der Weddinger Bockbrauerei formiert hatten, waren sie gar manchmal auf Ritterfahrten gewesen, die sie bis nach Bayern und Hamburg geführt hatten.

Über Ursprung und Zweck der Pankgrafen schreibt Walther Kiaulehn in seinem Berlin-Buch: „Irgendein Witzbold des Stammtisches hatte herausgefunden, daß es 500 Jahre zuvor eine blühende Pankgrafschaft auf dem Wedding gegeben habe. Die Bewahrung der Tradition dieser alten Rittergilde machten die neuen Pankgrafen zu ihrem Lebenszweck... Sie erklärten – auf sagenhafte Rechtstitel ihrer Chronik gestützt – irgendeiner märkischen Stadt den Krieg, nagelten einen übergroßen Fehdehandschuh an das Stadttor, erstürmten die Stadt mit viel Lärm, Knallfröschen und allerlei Feuerwerk, entfalteten auf dem Marktplatz ein großes Lagerleben und versammelten sich schließlich mit den unterworfenen Bürgern im Fackelglanz zu einer Rede ihres Großkomturs auf Kaiser und Reich, beschenkten die Waisenhäuser und Krüppelheime und fuhren am Montagmorgen vor Tag und Tau müde, verkatert und glücklich nach Berlin zurück.

Man lachte über die Pankgrafen, amüsierte sich über sie, verspottete sie als wildgewordene Kleinbürger, und doch wurden sie bei. alledem auch geliebt, denn sie sangen sehr schön und waren gutmütige und gutgewachsene Leute mit blonden Barten und offenen Taschen ... Man kannte sie bis in alle Grenzstädte Deutschlands. Für viele Deutsche waren die Pankgrafen die einzigen Berliner, die sie je zu Gesicht bekamen.“