Von Walter Abendroth

Derjenige Dirigent ist der beste, von dessen Vorhandensein der Hörer gar nichts merkt als eben den Eindruck der wohldisponierten Aufführung; mit dem Regisseur verhält es sich nicht anders. Woraus sich das Paradoxon ergibt, daß der begabteste, einfallsreichste, bemühteste und profilierteste Spielleiter durchaus nicht allemal auch "der beste" zu sein braucht.

Für diese Wahrheit gibt es vielleicht kein beredsameres Beispiel als den großen Fritz Kortner, der kürzlich wieder eine seiner glänzendsten Regietaten verrichtete: die Inszenierung von Shakespeares problematischem "Timon von Athen" in den Münchner Kammerspielen. Nicht so leicht hätte ein andrer Theatermann das Wagnis eines solchen Rettungsversuches an einem längst aufgegebenen Objekt auf sich nehmen dürfen. Was dabei herauskam, war indessen zugleich mehr und weniger, als der Inszenator offenbar gewollt hatte: eine brillante mimische Demonstration seines eigenen tendenziösen Idealismus und eine neue Bloßstellung der Schwächen des Stückes selbst – trotz allem: trotz der Behutsamkeit der Kortnerschen Bearbeitung, trotz dem Tiefsinn der dualistischen Philosophie, die Shakespeare hier zu dramatisieren versuchte, und trotz dem Aufwand an szenischen Mitteln.

Zweifellos war es auch ein beträchtlicher Aufwand an Ehrgeiz. Denn die Absicht, mit einer Art Gewaltakt des Inszenierungsgenies ein traditionell als unrettbar geltendes Werk zu einem Bühnenerfolg zu führen, war nicht zu verkennen. Nun aber eben: diese Vehemenz des Wollens und des Könnens verspürte man in jedem Augenblick; die eminente Kunst der Regie sprang immer wieder allzusehr in die Augen.

48 Personen tummelten sich auf der Bühne, um die Parabel vom reichen, freigiebigen Manne zu spielen, den schnödester Undank der Mitmenschen zum unversöhnlichen Menschenhasser macht: keine einzige Niete darunter. Dennoch war das Stück nach dem fingierten letzten Gastmahl, mit welchem Timon seine Schmarotzer äfft, bevor er in die Einöde flieht, hoffnungslos aus.

Konnte selbst ein Regisseur von Kortners Rang mit dem Wüterich aus enttäuschter Freundesliebe nicht mehr viel anfangen (wie prachtvoll war dem Darsteller Romuald Pekny noch der glückliche Verschwender am Anfang geraten!), an dem großherzigen Friedenswillen des siegreichen Alkibiades durfte er sich schadlos halten; der gab ihm Gelegenheit zu einem erhebenden pazifistischen Schlußtableau.

Zuvor hatte auch das Residenztheater eine eindrucksvolle Shakespeare-Premiere gehabt: den von Kurt Meisel ein wenig ungleichwertig inszenierten Hamlet. Thomas Holtzmann, ein geborener Münchner aus Barlogs Ensemble, in der Titelrolle bedeutete eine Entdeckung. Die Anlage im ganzen war hochbedeutend, originell und neu in der vibrierenden Reizbarkeit und maskulinen Herbheit.

In den Kammerspielen gab es zwei (von Charles Regnier vortrefflich übersetzte) Einakter Jean Giraudoux’, in der "Kleinen Komödie" die unverwüstliche "Ingeborg" von Curt Goetz. Die Aufführungen waren gleichwertig. Hans Schweikart führte Regie im "Lied der Lieder", August