Von Robert Pendorf

Jerusalem, im Mai

Am 14. Juni vergangenen Jahres, um 14.40 Uhr, betrat der junge israelische Staatsanwalt Gavriel Bach die Zelle des Gefangenen Adolf Eichmann. Er hatte Briefe mitgebracht, von drei Anwälten, einem chilenischen, einem amerikanischen und einem deutschen, Dr. Robert Servatius. Eichmann, sagte Bach, möge sich die Briefe durchlesen und sich überlegen, welchen Anwalt er wolle. Er könne sich damit beliebig viel Zeit lassen. Eichmann ließ sich keine Zeit. Er entschied sich sogleich für Dr. Servatius und nannte auch die Gründe: Weil Stiefbruder Robert Eichmann ihn empfohlen und weil er schon „in einschlägigen Prozessen verteidigt“ hatte.

So wissen wir wenigstens, warum Eichmann diesen Verteidiger wählte. Warum hingegen Servatius sich zu dieser Verteidigung entschlossen hat, wird vermutlich weiterhin ein Geheimnis des untersetzten Kölners bleiben: er hat zwar viele Gründe genannt – von „purer Neugier“ über „Freude am Kampf“ bis zu „weil es hier um mehr geht als nur um Eichmann“ – aber keines dieser Motive erscheint wirklich überzeugend. Die Vermutungen, etwa Geld von interessierten Auftraggebern oder der Wunsch nach Publicity, das dementiert er in seinem rheinisch eingefärbten Hochdeutsch so entrüstet, daß man’s ihm fast glaubt.

Ob Servatius und Eichmann gut beraten waren, als sie einander wählten, steht noch sehr dahin. Es gibt in diesem Prozeß eine Menge Dinge, die der Verteidiger sagen kann und vielleicht auch sagen muß, die aber sehr taktvoll formuliert sein wollen, sollen sie nicht, zumal aus einem deutschen Mund, fatal klingen. Servatius sagt sie alle, ohne sich Sorgen um den Takt zu machen. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß irgendwer ihn mißverstehen oder seine Worte gar übelnehmen könnte. Die Bevölkerung hier tut beides. Nicht umsonst ist die Zahl der israelischen Leibwächter, die mit überschweren Revolvern unter saloppen Pullovern über des Anwalts Sicherheit wachen, unlängst auf drei erhöht worden – ursprünglich war’s nur einer.

Als ich Dr. Servatius zuletzt in seiner kleinen Pension am Stadtrand, von Jerusalem besuchte – „die 20 000 Dollar vom Staat Israel sind bald alle, wir müssen bescheiden leben“ –, war er gerade zum ersten Male bös ausgerutscht. Er hatte Eichmann, den Nachkriegseichmann, einen „friedlichen Bürger“ genannt. Was er meinte, war klar: Ankläger Hausner hatte argumentiert, Bestien wie Eichmann müßten zum Schutze der Menschheit abgeurteilt werden, wo immer man ihrer habhaft werde, so wie man es auch mit Piraten und Menschenräubern mache. Insofern war der Hinweis, daß durch Eichmann seit Jahren niemandem mehr Gefahr drohe, schon angebracht. Aber die Formulierung, Eichmann ein „friedlicher Bürger“, das war zuviel für die Israelis. Ich prophezeite Servatius höchst unerfreuliche Schlagzeilen für den nächsten Tag. Seine Reaktion: Ein verständnisloser, höchst erstaunter Blick – „warum soll ich denn dat nich sagen, et stimmt doch“. Dabei bietet er ein Bild fast fröhlicher Gelassenheit, nicht eine Sekunde ist ihm anzumerken, daß er einer unglaublich schweren, unlösbaren Aufgabe gegenübersteht.

Er plaudert locker und gelöst, zitiert bei Bedarf deutsche und andere Klassiker seitenlang aus dem Gedächtnis. Die freundlichen Hängebäckchen sind von Schmunzelfalten durchzogen, die Augen lebhaft, die Bewegungen rasch, aber kontrolliert. Er wirkt unbekümmert, ist durch nichts aus der Fassung zu bringen, und bar jeglichen Zweifels an sich selbst.