Da erheben die Erwachsenen den Zeigefinger und werfen mit imaginären Papierkügelchen auf Knaben und Mägdlein, geflissentlich übersehend, daß sie selber es sind, die Schundfilme und Groschenromane produzieren, die an den Schlagern verdienen – und daß auch die „Jugend von damals“, die vielberufene, nicht viel besser und schlechter war als die von heute, daß aus dem Rowdy von damals ein ebenso guter oder schlechter Familienvater und Staatsbürger wurde, wie man es vom heutigen „Halbstarken“ erwarten kann.

Denn der Refrain von der Schlechtigkeit der Jugend ist alt und unausrottbar. Um 420 vor Christus schrieb Sokrates: „Unsere Jugend liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, mißachtet Autorität und hat keinen Respekt vor dem Alter. Die heutigen Kinder sind Tyrannen. Sie stehen nicht mehr auf, wenn ein älterer Mensch das Zimmer betritt, sie widersprechen ihren Eltern, schwätzen in Gesellschaft anderer, schlürfen beim Essen und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Herr Walther von der Vogelweide stimmt über sechzehn Jahrhunderte später ein, auf einem Steine sitzend: „Owe wie jaemerlîche junge liute tuont, den ê vil hovelichen ir gemüete stuont!“ – und in einem „Bet- und Tugendbuch“ aus dem Jahre 1763 zeigen Jungen und Mädchen „lockere Sitten“. Überhaupt, ab 1750 setzt eine Flut von Warnungen ein.

1772 erscheint in der „Vossischen Zeitung“ folgende Anzeige: „Da verschiedene liederliche Burschen sich wiederum unterstehen, sich auf den Straßen zusammenzurotten, allerhand Unfug treiben und mit Drachen spielen, so werden die resp. Eltern und Lehrherren hierdurch erinnert, ihren Kindern und Lehrburschen das Herumlaufen, Zusammenrotten und Klatschen mit den Peitschen auf den Straßen auf das strengste zu verbieten. Widrigenfalls die Kinder und Lehrburschen so betroffen, sogleich arretieret und scharf gepeitschet werden, die Eltern aber, weil sie diesem Unfug nicht gewehret, bei jedem Contraventionsfall mit zwei Rheintalern bestraft oder auf vier Tage zum Arrest gebracht werden sollen.“

Eine Notiz aus dem „Teutschen Merkur“ (1785) ähnelt sehr dem Bericht des Sokrates: „Die Bildung der Jugend ist ziellos und fehlerhaft und fühlt zu einem unmäßigen Hang zu Luxus und Schwelgerei und begünstigt eine ungezähmte Eitelkeit. Die Frechheit unter den Jugendlichen hat nicht ihresgleichen. Jungen wie Mädchen sind unwissend, roh und ohne jede Kultur.“

Sie trieben es aber auch bunt in jenen Jahren. Bilder von parties aus jener Zeit zeigen uns Gesellschaftsspiele, wie sie jedem Drehbuchautor der Neuen Welle Ehre machen würden. Verständlich, daß der Gymnasialdirektor Vilmar im Jahre 1841 seinen frischgebackenen Abiturienten entgegenbrüllt. „Barbarei! Roheit! Wildheit! Ein Zeitstreben, welches schon jetzt die Bande der Familie gelockert hat, und sie in wenigen Jahrzehnten noch weit mehr zerschnitten haben wird, welches schon jetzt aus den Knaben Spaziergänger und Vergnüglinge, aus den Mädchen gereiste Damen gemacht hat, aber bald im Sinne der alten Zeit Landläufer und fahrende Weiber aus ihnen machen wird, ein Zeitstreben, welches statt der stillen Familie im stillen Gemach lärmende Rollwagengesellschaften und wandernde Horden erzeugt, das griffe nicht mit grimmiger Tatze in das innerste Herz unseres Lebens, culturverschlingend und menschenverzehrend?“

Im heiligen Köln des Jahres 1888 trieben sie es so toll, daß entrüstete Leserbriefe „Zur Jugendverwilderungsfrage“ immer wieder eine Polizeimacht, bewaffnet mit „einem dünnen spanischen Rohrstock, einer Waffe, ähnlich der der englischen Polizisten, und einer Signalpfeife zur Heranziehung der uniformierten Schutzleute forderten. Zwei Jahre später verzeichnet der „Kölner Stadtanzeiger“, daß die „Halbflüggen, nicht nur Burschen, sondern leider auch unsere Mägdelein, die jetzt das Geld leichter verdienen und auch leichter wieder verjubeln, den Vergnügungsstätten das Gesicht“ geben.