Ich sehe sie noch deutlich vor mir, die schöne Baronin, die wir auf dem Bahnhof Zoo in Berlin trafen, als wir meine Tante Alma nach England verabschiedeten. Es muß um 1912 gewesen sein, diesem elegantesten Jahr unseres Jahrhunderts, wie man in Paris sagt. Ich starrte fasziniert auf die fremde Dame im hellgrauen Tailormade und kümmerte mich herzlos wenig um die sonst sehr geliebte Tante, die nun als Gesellschafterin irgendeines Earls vom nebligen Britannien, oder, wie es damals hieß, vom schnöden Albion verschlungen werden sollte, auf Nimmerwiedersehn. Der Abschiedsschmerz, eben noch stark und mächtig, verging vor dem geradezu formidablen Sitz des Kostüms der schlanken Baronin mit dem herrlich frischen Strauß von dunkelvioletten Parmaveilchen am linken Revers. Er umhüllte sie mit dem Duft des Frühlings; ich meinte auf umgebrochenen schwarzer Gartenerde, unter eben aufblühenden Sträuchern zu stehen. Die zarte Erscheinung wurde für mich zum Inbegriff der Dezenz und Eleganz, obwohl mir ihre Frisur gar nicht gefiel, diese am Hinterhaupt aufgesteckten schweren blonden Flechten à la Kaiserin Elisabeth, auf dem ein weißer Canotier schwebte.

Es war im allgemeinen Sitte, daß so vornehme Damen die Blumensträußchen geschenkt bekamen. Ich habe nicht erfahren können, ob diese Veilchen mit der feuchten, echten Erdfrische ein Geschenk des Liebhabers der Baronin waren oder ihres Mannes, eines sarmatisch wilden Balten. Ich erfuhr später nur, daß er sie manchmal in ohnmächtiger Eifersucht an den langen blonden Zöpfen durch die Korridore ihres Hauses hinter sich her gezerrt hatte. Vielleicht war es die Angleichung an russisches Milieu, denn auch die Damen entließen ihre Zofen, wie es bei Turgenjew zu lesen steht, indem sie sie ohrfeigten und dann in Ohnmacht fielen: "Elle la souffleta et s’evanouit." Jedenfalls hat der Veilchenstrauß, innig mit Klatsch verbunden, dadurch nichts von seinem Zauber eingebüßt, sondern im Gegenteil sich noch stärker in Farbe und Duft in meinem Gedächtnis manifestiert.

Es war Mode, daß man am Revers des Tailleurs lebende Blumen trug, in reizenden kleinen Buketts. Ohne Veilchen und Maiglöckchen wäre ein Frühling undenkbar gewesen. Sie verwelkten zwar nach einigen Stunden, machten aber den Auftritt auf dem Boulevard zu einer Salondamen-Szene eines Boulevardtheaters, und von jeher war der Kurfürstendamm in Berlin einem solchen mis en scene bodenbereitend. Man trug das Bukett, als sei es ein Stück der eigenen hübschen naiven Person – Damen hatten naiv zu sein und die Ohren vor dem Leben mit mehr Wachs zu verstopfen, als Odysseus vor den Sirenen.

Das Wort "Bukett" trifft das Wesen der kleinen Blumengebinde besser als das kompakte "Strauß". Es ist darin der feine, würzige Hauch der langsam dahinsterbenden Blumenseelen enthalten, und auch jenes französische "bouquet", mit dem ebenso die Blume hervorragender Weine bezeichnet wird.

Den zweiten Veilchenstrauß, der mir großes Entzücken bereitete, habe ich weder gesehen noch gerochen, sondern beschrieben gefunden. Ich verdanke ihn meiner Imagination. Und doch befand ich mich an einem jener opalisierenden Frühlingstage leibhaftig im Bois de Boulogne, als die schwarzen Druckbuchstaben mir versicherten, daß eine junge Frau, sicherlich war es Odette Swann, bei einer Fahrt in der Equipage durch den Bois ein Veilchenbukett zugeworfen bekam. Auch sie sehe ich deutlich vor mir: in einer raffinierten malvenfarbenen Robe mit passendem Sonnenschirm, den Kavalier mit Zylinder und Stock etwas undeutlicher, wohl aber seine erfahrene Männerhand, welche von den schwanenhaften Linien ihres unter Falbeln verborgenen Körpers wohl gewußt haben muß. Und über Veilchen und Geste hinweg flogen Worte, geflüstert nur, während sie einen blitzenden Blick und ein Lächeln zurücksandte.

Vorbei die Poesie der Tage, als die Veilchen in Paris 1912 nur zwei Sous kosteten. Jedesmal war es die Hand eines Kavaliers, eines ritterlichen Mannes gewesen, der seine Liebe in einem Veilchenbukett inkarnierte, und die Männer liebten noch "fort commele mort". Dahinter stand die Attitüde des Troubadours, doch sie hatte keineswegs den Fluch der Lächerlichkeit an sich, sondern war überzeugend und erfüllt, so sehr, daß ich sie bis heute nicht vergessen konnte.

Wir Frauen einer harten Zeit, die immer noch ungnädig mit uns ist, obwohl wir nicht mehr die umgearbeiteten Uniformen, die Kopftücher und die fassonlosen Hosen zu tragen brauchen, wir müssen uns die Blumen selbst kaufen und auch die Parfüms. Das ist einer der bitteren Preise für unsere Emanzipation und das Recht, Geld zu verdienen und in Restaurants und Cafés allein zu sitzen und zu rauchen.