Westliche Verteidigungskonzeption im Wandel

Oslo, im Mai

Eigentlich ist es ein wahres Wunder, daß der Nordatlantikpakt überhaupt funktioniert. Seit Jahren stehen seine Führer einzeln oder im Kollektiv an der Klagemauer und jammern. Die militärischen Planziele sind nie erreicht worden, die gegenseitige politische Konsultation liegt chronisch im argen, und der eigenwillige General de Gaulle hat die Allianz stets aufs neue entsetzt mit seinen halsbrecherischen Balanceakten hart am Rande des Treubruchs. Während aber die Kleinen bockten, ließ die Führungsmacht der USA die Zügel schleifen.

Und dennoch, trotz aller Unvollkommenheiten, hat das Verteidigungsbündnis in den zwölf Jahren seines Bestehens seinen Zweck erfüllt: Es hat an der atlantischen Ostfront, die sich von Norwegens Nordkap bis zum türkischen Taurusgebirge hinzieht, den Frieden wirksam gesichert. Wie dies Phänomen möglich war? Ein westlicher Diplomat erklärte es bissig so: "Die NATO ist eine fromme Lüge, aber zum Glück glauben die Russen sie."

Kitt aus dem Kreml

Kann dies Glück von Dauer sein? Können sich die Paktmitglieder wirklich darauf verlassen, daß der Kreml auch fürderhin den Kitt frei Haus liefert, der die Nordatlantische. Verteidigungsorganisation bisher noch in jeder Krise wieder zusammengefügt hat. Und genügt das? Muß nicht die NATO aus ihrer Stagnation gerissen werden? Muß nicht schleunigst ihre militärische Schlagkraft gestärkt und ihr darüber hinaus endlich auch eine politische Ordnungsfunktion eingeräumt werden, wenn der Kreml nicht am Ende den Respekt vor ihr verlieren soll?

Nicht nur in den Wandelhallen des Stortings zu Oslo, wo die Außenminister der fünfzehn NATO-Mitglieder Anfang der Woche zu ihrer üblichen Frühjahrstagung zusammengetreten sind, wurden dieses Fragen mit sorgenvollem Unterton gestellt. Das Gefühl, daß die NATO seit Jahren auf der Stelle tritt, wird heute überall geteilt. Auch Kennedy ist es noch nicht gelungen, ein neues Marschtempo anzuschlagen.