Wenn erst Sagen und Legenden sich des Politikers bemächtigen, steht seine Popularität außer Frage. Adrian Menderes, vom Mai 1950 bis zum Mai 1960 Ministerpräsident der Türkei und seit Juni vorigen Jahres Staatsgefangener auf der Insel Yassiada im Marmarameer, angeklagt des Verfassungsbruches wie der Korruption, und vom Galgen bedroht – dieser Adnan Menderes ist jetzt zur Sagengestalt geworden. Zur Nachtstunde, so wispert man in den Dörfern Anatoliens, reite er auf einem weißen Pferd aus seiner Zelle über die Wellen nach Istanbul zur Eyub-Moschee, einem der heiligsten Gotteshäuser des Islam. Dort führe er lange Gespräche mit den Engeln, die ihm gute Ratschläge für seine Verteidigung erteilen. Am Morgen reite er dann zurück und steche mit seinen Antworten den Staatsanwalt der Regierung Gürsel aus...

Ein Jahr nach seinem Sturz, sieben Monate nach dem Beginn des Mammutprozesses gegen ihn, zehn weitere Hauptangeklagte und mehrere hundert andere Beschuldigte, deutet vieles darauf hin, daß Adnan Menderes, ließe man ihn kandidieren, bei wirklich freien Wahlen in der Türkei auch ohne die mysteriöse Hilfe weißer Pferde und der Engel der Eyub-Moschee mit großer Mehrheit gewinnen würde. Aus der revolutionären Offensive ist der neue Staatschef der Türkei, General Kemal Gürsel, in die Verteidigung gedrängt worden.

Der gemütliche Umstürzler, den man in der Türkei bald liebevoll "Papa" Gürsel nannte, hat zu den Methoden seiner Vorgänger Zuflucht nehmen müssen: zu Verhaftungen, Verboten und zum Belagerungszustand. Er hat soeben eine neue Verschwörung – die wie vielte nun schon? – zerschlagen, die den Adnan Menderes vom Galgen retten und auf den Sessel des Premiers zurückführen sollte; es soll dabei fast hundert Tote gegeben haben. Vor zwei Monaten hatte in letzter Minute eine Sprengung der Elektrizitätswerke von Silataraga verhindert werden können, die Istanbul verdunkelt hätte: Im Schutze dieser Finsternis wollten die Verschwörer Menderes befreien.

In vielen Teilen des Landes kam es in den letzten Wochen zu Sympathiekundgebungen für Menderes und zu Demonstrationen gegen die Offiziersjunta "Papa" Gürsels. Warum diese Sympathie für den Mann der unehrlichen Machenschaften und die Antipathie gegen einen patriarchalischen Offizier, der zumindest guten Willens ist? Hat Gürsel nicht die Zensur aufgehoben? Hat er nicht für den Oktober freie Wahlen ausgeschrieben? Hat er nicht die Bildung neuer Parteien erlaubt? Hat er nicht eine neue, bessere Verfassung ausarbeiten lassen, die sogar das Streikrecht bestätigt? Hat er nicht erklärt, er und seine Offiziere würden sich wieder in die Kasernen zurückziehen, wenn das Volk im Oktober gewählt habe?

Er hat all dies getan – und dennoch gilt nicht ihm die Zuneigung der Türken, sondern dem listenreichen, wendigen Menderes, der sich am Staatsvermögen bereichert hat, der Mätressen hielt und die Verfassung mißachtete.

Kemal Gürsel hat sich mit dem Prozeß von Yassiada eine Aufgabe aufgebürdet, an der er zerbrechen könnte. Er wollte den Menderes-Mythos zerschlagen, indem er die menschlichen Schwächen des Gestürzten bloßlegte. Er hat sich verkalkuliert. Mit Ausnahme der Intellektuellen im Lande – und nicht einmal aller – sind für die Türken nach ortsüblichen Maßstäben diese Verbrechen keine Verbrechen.

Korruption? Je nun – wer an der Quelle sitzt... Mätressen? Der Koran erlaubt mehrere Frauen. Und war nicht Frau Menderes ganz entsetzlich fett geworden? Verfassungsbruch? Darunter kann sich der Bauer inHinter-Anatolien überhaupt nichts vorstellen. Verfassung – das verteilen die Analphabeten nicht (und zwei Drittel der 25 Millionen Türken können weder lesen noch schreiben). Sie erinnern sich indessen an die guten Taten von Menderes. er nicht alle Steuern für die Bauern abgeschafft? Hatte er nicht wieder Moscheen bauen lassen? Waren nicht die Mullahs ganz für ihn?