P., Olpe

Im vorletzten der elf Bauernhäuser des zwischen Wäldern versteckten Sauerlanddorfes Rhonard stieg ein Kunstsammler aus Aachen die Treppe zum ersten Stock hoch. Den Besucher hatte eine im westdeutschen Inseratenteil höchst ungewöhnliche Anzeige in die abgelegene Gegend gelockt. Unter der Rubrik „Kunstmarkt“ war da verheißen worden: „Originalgemälde von Adolf Hitler, Handzeichnungen, Skizzen und Aquarelle aus Privatbesitz zu verkaufen.“

Hinter der Chiffre verbarg sich der Bewohner des ersten Stocks im vorletzten Haus von Rhonard: der 59jährige Hilfsarbeiter Otto Müller. Den Titel „Kunstmaler“ führt er ebenso von eigenen Gnaden wie jener Mann, mit dessen Namen die angebotenen Gemälde signiert waren.

Der Kunstfreund aus Aachen musterte die Leinwand mit dem Namenszug „Adolf Hitler“ sorgfältig. Aber er verabschiedete sich bald wieder, ohne eines der Bilder gekauft zu haben. Sein nächster Weg führte ihn zur Polizei.

Seitdem ist in der Kreisverwaltung Olpe eine Kunstausstellung aufgebaut, die im Gegensatz zu anderen Galerien wenig Wert auf Besucher legt. Hinter verschlossener Tür hängen vier Ölbilder. Der Kommissar der Olper Kriminalpolizei, der sie dort hütet, hat ihnen Namen gegeben: „Berg-Panorama mit See“, „Blühender Flieder“, „Königssee“ und „Rote Tulpen“.

Der Flieder – es handelt sich um einen blassen, weißen Strauß – ist schuld daran, daß Otto Müller die vier Gemälde den Interessenten, die sich aus der ganzen Bundesrepublik angemeldet hatten, vorerst nicht mehr offerieren kann. Denn der Polizei stieg nach dem Hinweis des Aachener Kunstsammlers der Verdacht auf, als blühe dieser Flieder noch nicht lange. Ein Beamter drückte sacht mit der Nagelkuppe seines Daumens auf die Blütendolden und entdeckte: „Die Ölfarbe war noch gar nicht trocken.“ Kunstmaler Müller bringt diese Frische seiner Bilder „aus dem Nachlaß des Führers“ nicht aus der Fassung: „Ich habe die Bilder übermalt, weil ich die Lichtverhältnisse verbessern wollte.“ Daß eine Korrektur an Hitler-Bildern ihrem künstlerischen Wert nicht abträglich ist, kann dem Rhonarder Maler freilich auch von Kunstsachverständigen kaum bestritten werden. Sicher ist auch, daß Hitler die meisten seiner Werke aufkaufen und vernichten ließ, als er es zum „Führer“ gebracht hatte. Höchstens fünfzig seiner Erzeugnisse entgingen diesem bei ihm so seltenen Drang zur Selbstkritik.

Vor einem Jahr tauchten zwei der davongekommenen Werke in dem Londoner Auktionshaus Sotheby auf: Ansichten des Wiener Parlaments und der Karlskirche. Für 7000 Mark ersteigerte sie der durch seine Kollektion von Churchill-Dokumenten zu Sammlerruhm gekommene Sir Henry Thynne. Auf ähnliche Interessenten hatte der Sauerländer Hilfsarbeiter gehofft – nicht vergeblich. Zwanzig Angebote aus der Bundesrepublik und dem Ausland hatte die Post ins einsame Rhonard befördert.