Von Theo Sommer

Es war nach den Maßstäben der kleinen norwegischen Hauptstadt Oslo ein ganz ansehnlicher Fackelzug, der sich da durch die Hauptstraßen bewegte. Ein kleines Weilchen war der Dr. jur Dirk Uipko Stikker der Meinung, der Zug, den er vom Balkon seines Hotelzimmers aus beobachtete, gelte ihm. Das stellte sich jedoch rasch als Irrtum heraus: Nicht NATO-Anhänger demonstrierten für den neuen Generalsekretär der Nordatlantischen Vertragsorganisation, sondern "linke" Kernwaffengegner für den amerikanischen Nobelpreisträger und Atompazifisten Dr. Linus Pauling. Der nämlich hatte, wie der Zufall manchmal so spielt, gleich neben dem obersten NATO-Beamten Logis genommen und stand auf dem Nachbar-Balkon...

Dirk Stikker erntete viel Heiterkeit, als er diese Anekdote am Vorabend des Osloer NATO-Treffens vor der Presse zum besten gab. Ein ausgeprägter Sinn für Humor scheint überhaupt einer der hervorstechendsten Charakterzüge dieses Mannes zu sein, der mit seinem rosig-frischen Teint, dem straff in der Mitte gescheitelten, leicht angegrauten Blondhaar und den hellen Augen aus Delfter Blau geradezu ein Bilderbuch-Exemplar von Holländer ist.

Zuweilen freilich kann dieser Humor recht maliziös werden. Bei der abschließenden Pressekonferenz in Oslo erhob sich ein Journalist und fragte Stikker: – "Gibt es nach Ihrer Meinung im Abschlußkommunique auch nur eine einzige Neuigkeit?" Stikker darauf – die Lunch-Stunde war längst vorbei: "Es scheint, daß Ihr Hunger nach Neuigkeiten ebenso groß ist wie mein Hunger auf eine herzhafte Mahlzeit." Und mitunter schlägt Stikkers Humor auch in Bissigkeit um. Als sich ein anderer Zeitungsmann, der ihn in der ersten Pressekonferenz mit Fragen an den belgischen und portugiesischen Außenminister überschüttet hatte, nun erkundigte, welche Antwort sie gegeben hätten, erwiderte er spitz: "Der Generalsekretär der NATO ist kein Briefkasten-Onkel!"

Derlei Bissigkeit praktiziert Stikker nun beileibe nicht nur an Journalisten – er hält damit auch im Kreise seiner Kollegen nicht zurück. Seine undiplomatische Sprache in fünf Zungen (Holländisch, Englisch Französisch, Deutsch, Malayisch) ist bekannt. Er steht in dem Rufe, gelegentlich ganz kommentwidrig direkt zu werden, weswegen sich auch schon mancher von ihm "auf den Schlips getreten" fühlte. Noch heute erzählt man sich die lang zurückliegende Geschichte, wie er einmal, in einer endlosen nächtlichen Beratung über die Konstruktion der Montan-Union, unwirsch ausrief: "Ihr hängt mir alle miteinander zu Hals heraus!"

Nun ist Stikker, obwohl er schon seit einem guten Dutzend Jahren auf dem diplomatischen Parkett zu Hause ist, im Grunde ein Außenseiter des Metiers. Angefangen hat der Doktor der Jurisprudenz als Bankfachmann, dann war er lange Zeit Direktor der Heineken-Brauerei, die er mit Umsicht und Energie zu einem Weltunternehmen machte. Bald saß er in vielen Aufsichtsrats-Sesseln und wurde auch Vorsitzender des holländischen Arbeitgeberverbandes. In dieser Eigenschaft hatte er während des Krieges einen heftigen Zusammenstoß mit der deutschen Besatzungsmacht: Als Seyß-Inquart von ihm die Überführung seines Verbandes in eine "Arbeitsfront" nach Nazi-Muster verlangte, weigerte er sich standhaft. Statt dessen bildete er im Untergrund seine eigene Arbeitsfront, eine Widerstandsbewegung, in der die Arbeitgeber Schulter an Schulter mit den Gewerkschaftlern standen. Nach dem Kriege wurde daraus eine Schlichtungskommission, in der Unternehmer und Arbeitervertreter erfolgreich zusammen arbeiteten, um Holland den sozialen Frieden zu erhalten.

Damals, nach 1945, unternahm Stikker den Sprung in die Politik. Der Liberale, der mit den bestehenden Parteien unzufrieden war, gründete seine eigene Partei, wurde Abgeordneter, immer wieder Regierungsberater in schwierigen Finanzangelegenheiten, mehrmals auch diplomatischer Emissär nach Indonesien, das sich gegen die niederländische Herrschaft aufbäumte. Im Jahre 1948 wurde Stikker Außenminister seines Landes und blieb es bis 1951.