Von Ortwin Fink

Fährt hier das Schiff nach Wien?" fragte eine Amerikanerin den Kapitän einer Kattegatt-Fähre am Kai von Göteborg. Die Dame mit dem Blumenhut hatte die symbolische Zeichnung auf den Streichholzheften der Reederei zu realistisch genommen: Dicke schwarze Striche auf einer Miniaturlandkarte von Mitteleuropa verbinden die Endpunkte der Fährstrecke Frederikshavn–Göteborg mit Stockholm und Oslo im Norden, mit Paris, Frankfurt und Wien im Süden. In der Tat verbinden die zahlreichen Kattegatt-Fähren Zentraleuropa mit dem skandinavischen Landkartenlöwen so gut, als ob sie selbst nach Süden kreuzten.

Die Kattegatt-Fähren sind, vor allem zur Sommerszeit, schnell ausgebucht. Was wollen all die Menschen im Norden? Die tausend Seen Finnlands bewundern; Europas nördlichsten Festlandspunkt, das Nordkap in Norwegen, besteigen; in Nordschweden den Lappen Jahrmarkt von Jokkmokk und vor allem die Mitternachtssonne erleben. Zweitausend Kilometer und mehr fahren sie noch, wenn sie Skandinaviens Westküste erreicht haben. In die südwestlichen Provinzen Schwedens kommen die Fremden kaum. Sie sollen kommen, meinen die Bewohner dieser Landstriche. Was bieten sie?

"Viele Deutsche aus der Bundesrepublik wollen Ruhe, wollen Einsamkeit", erklärten Nordland-Experten der deutschen Reisebüros den südschwedischen Fremdenverkehrswerbern.

"Haben wir genug", war die selbstsichere Antwort, und, auf den deutschen Bildungshunger spekulierend, setzten die Nordländer hinzu: "Zeugen der ältesten Vergangenheit und archäologische Funde trifft man hier ebensooft an wie in der römischen Campagna."

Wirklich? Ich bin mehr als zweitausend Kilometer durch die Provinz Västergötland zwischen Göteborg und den beiden nördlichen Zipfeln von Vänern und Vättern gefahren, und ich habe zwei, drei Autostunden lang keinen Menschen getroffen, obwohl vom höchsten Punkt des Städtchens Vara aus 45 Kirchturmspitzen zu sehen sind.

Viertausend Jahre alt sind die Kammergräber von Karleby und die Grabstätten des gigantischen, durch mehrere Jahrhunderte benutzten "Friedhofes" von Ekornavallen in der Nähe Falköpings. Keine andere schwedische Provinz ist so reich an Monumenten und Funden aus Stein- und Bronzezeit wie Västergötland.