Der Stierkampf, die Spanier und der deutsche Tierschutzverein – Das Ballett, in dem der Matador nach strengen Regeln das Solo tanzt

Von Adolf Metzner

Bitter getadelt wurde vor kurzem Professor Erhard vom deutschen Tierschutz-Verein, weil er bei seinem Besuch auf der Iberischen Halbinsel eine Einladung zu einem spanischen Stierkampf angenommen hatte. Ein deutscher Minister, so war in einem Offenen Brief zu lesen, dürfe nicht gegen den Wunsch Hunderttausender von Tierfreunden eine Veranstaltung mit solch tierquälerischem Charakter besuchen.

Der Deutsche Tierschutzbund, dessen Bestrebungen bei uns jedermann gern unterstützt, dürfte in diesem Fall allerdings die Grenzen seiner Zuständigkeit überschritten haben. Nichts wäre durch ein demonstratives Fernbleiben des Ministers gewonnen, wahrscheinlich aber einiges an spanischer Sympathie verloren worden.

Keine Rede von Sadismus

Der ganze Vorfall offenbart wieder einmal, daß es zwischen befreundeten Völkern notwendig ist, bestimmte Eigenarten und Bräuche zu respektieren, ohne daß man sie deshalb billigen müßte. Sieht man aber den Stierkampf, die fiesta brava, nur unter dem Vorurteil der blutigen Tierquälerei, wird man niemals verstehen, weshalb die Spanier an ihr mit solcher Hingabe hängen. Es kann keine Rede davon sein, daß die Faszination, die der Stierkampf auf die Spanier und eine Reihe von Völkern ihres ehemaligen Kolonialreiches, ja, selbst auf die Südfranzosen und manche Europäer in anderen Ländern ausübt, auch nur das Geringste mit sadistischen Empfindungen zu tun hat. Beim deutschen Touristen, der sich die Sensation eines Stierkampfes verschafft, herrscht oft der Eindruck vor, als seien das Ergötzen an den Qualen eines Tieres und das Weiden an seinem Verenden der Hauptanreiz für das Publikum. Diese Ansicht ist falsch; sie entsteht, weil der flüchtige ausländische Besucher meist nichts von der fiesta brava weiß und nicht einmal die einfachsten Kampfregeln kennt. Außerdem transponiert er seine eigene Tierliebe, die in den Städten im Gegensatz zum Lande durch die fehlende Berührung mit der Natur nicht selten sentimentale Züge besitzt, in das Verhältnis des Spaniers zum Tier, das ganz anders ist. Dies ist wie bei allen Mittelmeervölkern noch stark vom antikischen Lebensgefühl geprägt; wahrscheinlich spielt auch der jahrhundertelange arabische Einfluß noch eine Rolle. In der islamischen Glaubenswelt ist das Tier nicht im gleichen Sinn ein Geschöpf Gottes wie im Christentum. Ein heiliger Franziskus wäre in Spanien kaum denkbar.

Die Auffassung von Leben und Tod ist in Spanien der Antike noch viel stärker verbunden als bei uns: Das Leben als Schauspiel, das man in vollen Zügen genießt, die stoische Verachtung, die man dem Tode zollt, das heroische Ende, dem man noch applaudiert.