Von Albrecht Haushofer

André François-Poncet, einst Frankreichs Botschafter in Berlin und nach dem Kriege in Bonn, der heute im gepflegten, aber arbeitsamen Ruhestand Leitartikel für den Pariser „Figaro“ schreibt, zählte zu den witzigsten Diplomaten unserer Zeit. Einen „Mann von hoher Bildung und großen Geschicken, der schlagfertigste und witzigste Geist, der mir in vielen Jahren begegnet ist“ – so nannte ihn Professor Albrecht Haushofer. Aus der Feder Haushofers, der wegen seiner Zugehörigkeit zum Verschwörerkreis des 20. Juli 1944 noch in den letzten Kriegstagen von der Gestapo umgebracht wurde, stammen die folgenden Poncet-Anekdoten. Das Manuskript – entstanden wohl um das Jahresende 1938 – wurde in dem Nachlaß des Ermordeten gefunden; es wird hier zum ersten Mal veröffentlicht. Haushofer, der als Geopolitiker an der Universität Berlin wirkte, war zugleich Verfasser politisch-historischer Dramen; als er ermordet wurde, trug er das Manuskript der „Moabiter Sonette“ bei sich. In den Anekdoten um François-Poncet entpuppt er sich als charmanter Erzähler.

Als Freiherr von Neurath als Außenminister und sein Schwiegersohn Mackensen als Staatssekretär in der Wilhelmstraße 75 regierten, kommt Francois-Poncet verspätet zu einem Frühstück. Er entschuldigt sich, wird befragt, wo er gewesen sei, und antwortet: „J’ai visite l’Auswärtiges Amt; j’ai vu le père, j’ai vu le fils, mais je n’ai pas vu le Saint-Esprit.“

Ein anderes Mal zahlt Neurath mit gleicher Münze heim. In einem Augenblick beträchtlicher Spannung begegnen sich die beiden. Poncet: „Sie sehen, ich bin ganz friedlich. Ich habe nicht einmal meinen Degen angezogen.“ Darauf Neurath: „Aber Ihre spitze Zunge haben Sie mitgebracht.“

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Zu einer Zeit, da in Deutschland sehr viel von der Jahrhundert- und jahrtausendhaften Dauer alles Neugeschaffenen und Neuzuschaffenden geredet wurde, befand sich Poncet auf Staatsbesuch in München. Man hatte ihm vieles von den neuen Bauten gezeigt. Abends fand ein Bierfest in Anwesenheit sämtlicher bayerischer Würdenträger statt. Man prostet sich zu. Es folgt die Stille nach einem herzhaften Trunk. In dieser Stille hört man Poncets wohlartikuliertes, leises Deutsch: „Ich muß gestehen: So gutes Bier habe ich auch seit zweihundert Jahren nicht mehr getrunken.“

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