In Evian wurden die Verhandlungen zwischen der französischen Regierung und dem FLN unterbrochen – wie es heißt: auf unbestimmte Zeit. Dies sei kein Grund zum Pessimismus, so ließ Verhandlungsmeister Joxe durchblicken. Aber es ist ein Anlaß, fortan desto aufmerksamer zu verfolgen, wie sich die Figuren im blutigen algerischen Spiel verschieben.

Streitfall Sahara: Die Exilalgerier (FLN) bleiben dabei: es handele sich ausschließlich um algerisches Gebiet. Tunis und Marokko, sonst treue Freunde der „brüderlichen Freiheitskämpfer“, aber haben ebenfalls Ansprüche auf Teile der Sahara angemeldet, und es scheint, daß sie darüber lieber an einem Tisch verhandeln wollen, an dem auch die Franzosen sitzen.

Waffenstillstand: Die französische Truppe wird am 20. Juni wieder angreifen, nachdem die einseitige Waffenruhe, die auf Kosten der Armee ging, vorüber sein wird.

Die Organisation Secrete Armee (OSA) hat unablässig ihre Bombenaktionen und -attentate verstärkt, wobei sie Abscheu in den Reihen auch jener Offiziere der Armee erregt, die ebenfalls am falschen Ideal eines „Französischen Algerien“ festhalten. Hier hat die Festnahme der geflüchteten Fremdenlegionäre vom Ersten Fallschirmjägerregiment ein bezeichnendes Licht auf die Typen geworfen, die heute hinter den Exgenerälen Salan und Jouhaud stehen: Die Legionäre waren zum Mord an Polizeikommissar Gavoury in Algier gedungen worden; ihr Versteck war im Hause sehr angesehener Algerienfranzosen ein Keller, wo die Polizisten sechs ordentlich hergerichtete Feldbetten und an der Wand eine Hakenkreuzfahne fanden. Im Mordkommando, das mit dem Messer gearbeitet hatte, waren zwei Deutsche, ein Jugoslawe, ein Franzose, der es in der Waffen-SS zu Rang und Würden gebracht hatte, danach in seiner Heimat zum Tode verurteilt und schließlich zur Fremdenlegion begnadigt worden war.

Seit dem 20. Mai, dem Eröffnungstage von Evian, haben Überfälle der Ultras und die ihrer Gegner vom FLN allein in Algerien 150 Tote und an die 400 Verwundete gekostet. Mittlerweile haben die Rebellenformationen der „Willayas“ Zeit gehabt, sich neu zu formieren. Aber bis zum 20. Juni wird der CNRA (Conseil national de la Evolution algerienne) zusammentreten, eine Art Parlament von 65 Abgeordneten, von denen man bisher nicht viel gehört hat, es sei denn dies: Nur ein Dutzend dieser Rebellenchefs gehört zur politischen Führung der Exilregierung (GPRA) des „Ministerpräsidenten“ Ferhat Abbas; die übrigen sind militärische Führer im Untergrundkampf gegen die Franzosen. Es scheint aber, daß ohne sie ein Waffenstillstand gar nicht ausgehandelt werden könne, sogar dann nicht, wenn Ferhat Abbas, beraten von seinen Freunden in Tunis und Marokko, es selber wünschen sollte.

Waren bisher auf seiten der Algerier die Leute mit den geringeren Vollmachten am Verhandlungstisch? Waren sie – bis auf den Advokaten Boumendjel, der zum CNRA gehört – nur ein Verhandlungsvortrupp von Politikern, die ohne die Rebellenführer in den „Willayas“ nichts Militärisches aushandeln können? Das wird man sehen, wenn die Algerier nach „unbestimmter Zeit“ – in der sie sich wohl auch bei Nasser und wahrscheinlich sogar bei den Sowjets Rat holen werden – aufs Neue mit Minister Joxe und seinen Mitarbeitern zusammentreffen. Denn daß sie wiederkehren, bezweifelt man nicht. D. Z.