Am Abend seines 80. Geburtstages steht Heinz Tietjen am Dirigentenpult der Städtischen Oper in Berlin, deren Ehrenmitglied er ist. Er leitet als Gast eine Vorstellung der „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauß. Zwei Jahrzehnte lang, von 1925 bis 1945, hat Tietjen als Intendant den Rang der Opernpflege in der Reichshauptstadt bestimmt. Daß die Westberliner Oper auch nach dem Kriege wieder zu repräsentativer Bedeutung aufstieg, ist ebenfalls Tietjens Intendantenverdienst (1948 bis 1955).

Der Theaterleiter Tietjen hatte außerordentliches Format. Für die Oper, der seine Liebe gilt, verfügt er über praktischen Sachverstand aus doppelter künstlerischer Eigentätigkeit: Als Dirigent (Tietjen war ein Schüler Arthur Nikischs) konnte er musikalische Intendanten-Entscheidungen unabhängig vom Rat seiner Mitarbeiter fällen, als Regisseur genoß er auf seinem Spezialgebiet, der Wagner-Darstellung, in Berlin und daneben (1931 bis 1944) als künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele internationale Autorität.

Heinz Tietjen ist der geborene Intendant. Schon am Beginn seiner Laufbahn, als er 1907 Kapellmeister in Trier war, fiel ihm die Leitung des Instituts zu. Von Breslau, wo er Direktor der Oper war, wurde er 1925 als Intendant an die Städtische Oper nach Berlin berufen. Zwei Jahre später übernahm er dazu die Intendanz der Staatsoper, wurde Generalintendant auch der preußischen Staatsbühnen des Schauspiels und war im Kultusministerium zeitweise sein eigener Vorgesetzter.

Bezeichnend war die heute kaum mehr verständliche Tatsache, daß Heinz Tietjen zur Zeit seines größten Ruhms als Person dem Publikum fast unbekannt geblieben ist. Es sah die Früchte seiner Arbeit, nicht ihn. Scheu mied er das Rampenlicht. Nicht einmal nach seinen eigenen Premieren erschien er vor dem Vorhang. So kursierte in Berlin über den unheimlichen Allgewaltigen einmal das Witzwort: „Hat Tietjen je gelebt?“ Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als persönliche Publizität auch für geheime Lenker von Bühnengeschicken unabdingbar geworden war, zeigte sich Tietjen hin und wieder in der Öffentlichkeit. In der Hamburgischen Staatsoper, die er nach seiner Pensionierung in Berlin noch drei Jahre geleitet hat (1956 bis 1959), reservierte er sich keine Intendantenloge, sondern saß, bereit, angesprochen zu werden, unter Zuschauern.

Tietjens Tätigkeit kulminierte in einer epochalen Leistung dort, wo sein Künstlerherz schlug: im Werk Richard Wagners, in Bayreuth. Durch eine einmalige Koordination aller künstlerischen und technischen Kräfte, über die er gebot, machte Tietjen die bedeutendste deutsche Opernbühne, seine Berliner Staatsoper, zum „Vorort“ Bayreuths.

Unter dem Patronat von Winifred Wagner, die von ihrem Gatten Siegfried kurz vor dessen Tode nach dem gemeinsamen Anblick einer „Lohengrin“-Inszenierung in der Berliner Städtischen Oper auf den Regisseur Tietjen und den Bühnenbildner Emil Preetorius als den möglichen Fortführern der Bayreuther Festspiele hingewiesen worden war, haben diese beiden Künstler, Tietjen und Preetorius, in Bayreuth eine szenische Revolution durchgeführt.

Damals begann in Wahrheit die „Entrümpelung“ der meiningerhaften Tradition, und die öffentliche Entrüstung war nicht weniger heftig als zwei Jahrzehnte später, als dann die Enkel Richard Wagners auch die Tietjen-Preetorius-Periode Bayreuths von der Bühne abräumten.

Johannes Jacobi