Hermann F. Reemtsma, seit dem Tode seines um ein Jahr jüngeren Bruders Philipp F. Reemtsma (im Dezember 1959) der Chef des Hauses, ist nicht ganz 69 Jahre alt geworden; er starb, ganz plötzlich, am letzten Sonntag auf seinem Landsitz in der Lüneburger Heide an einem Herzschlag. Sein Sohn, Hermann-Hinrich, nunmehr im Alter von 26 Jahren stehend, wird die Nachfolgerschaft in der Leitung des Unternehmens antreten und so lange fortführen müssen, bis der 1952 in der zweiten Ehe geborene Sohn Philipp F. Reemtsmas, Jan Philipp mit Namen, dem Lebensalter nach zur Partnerschaft herangewachsen ist. Wieder einmal wird schmerzlich fühlbar, wie sehr dem großen Familienunternehmen die drei Söhne aus Philipp F. Reemtsmas erster Ehe fehlen: Zwei von ihnen sind im Kriege gefallen, der dritte ist im Jugendalter an einer Polio-Erkrankung gestorben.

Von den beiden Vertretern der jungen Generation, die künftig das Erbe der Väter fortzuführen haben, kann man nur erhoffen, daß sie sich später einmal in ihren Fähigkeiten und in ihrer Zusammenarbeit ebenso glücklich ergänzen, wie das bei den alten Chefs des Hauses stets der Fall gewesen ist. Philipp war der Mann, der nach außen wirkte; er führte im Verkauf, in der Werbung, leitete die Finanzen, bestimmte die Konzernpolitik. Seinem jetzt dahingegangenen Bruder Hermann blieb der technische Ausbau der Werke und die innere Organisation des Unternehmens anvertraut, dazu die „Menschenführung“. Auf all diesen Gebieten hat er wahrhaftig Vorbildliches geleistet, und wenn die Firma Reemtsma mehr als fünfzig Jahre ihres Bestehens hindurch niemals von Streiks oder sonstigen Arbeitskonflikten betroffen wurde, so ist das, in erster Linie, seiner verständnisvoll-ausgleichenden Haltung und Wesensart zuzuschreiben.

Daß die erste Phase des Wiederaufbaus nach den Kriegsjahren so schnell und kraftvoll durchgeführt werden konnte, war ja zu einem guten Teile dem guten Zusammenhalt der Belegschaft zu verdanken. Erst im Herbst 1948 haben die Brüder Reemtsma wieder die Geschäftsführung übernehmen können; danach hat sich das Unternehmen wahrhaft „wie ein Phönix aus der Asche“ erhoben. Der Marktanteil der Gruppe Reemtsma, der bis auf 10 vH der damals ach so geringen westdeutschen Zigarettenproduktion abgesunken war, stieg nach dem Wiederaufbau der alten Werke und der Errichtung neuer Produktionsstätten – so insbesondere in Berlin – wieder bis auf gut 50 vH; außerdem wurden im In- und Ausland neue aussichtsreiche Verbindungen angeknüpft. Was Philipp Reemtsma dabei marktstrategisch geplant hatte, erhielt dann durch Hermann Reemtsma die taktisch-organisatorische Formung – und das immer unter kluger Delegation der Verantwortung, für die Ausführung im Detail, an die Mitarbeiter, entsprechend einer lang-bewährten Tradition des Hauses.

Über den Rahmen des eigenen Unternehmens hinaus hat Hermann F. Reemtsma seine Hilfsbereitschaft in vielen Fällen bewiesen – so insbesondere durch die Schaffung eines Förderungswerkes für die Begabten der heranwachsenden Generation, das (1957) mit einem Stiftungskapital von einer Million D-Mark ausgestattet wurde. Vor allem aber hat er sich, auch hier gemeinsam mit seinem Bruder Philipp handelnd, um das Werk Ernst Barlachs verdient gemacht, mit dem ihn eine über Jahrzehnte dauernde echte und rechte Männerfreundschaft verband, die auch dann noch Bestand hielt, als der still für sich in Güstrow werkelnde Barlach von den maßgebenden Leuten des Dritten Reiches als „künstlerisch entartet“ abgetan und verfemt wurde. Die sehr bedeutende Sammlung der Werke Barlachs, die von Hermann F. Reemtsma zusammengetragen wurde, ist bei dem fünfzigjährigen Jubiläum der Firma (1960) der Freien und Hansestadt als Stiftung des Hauses Reemtsma überleben worden. Damit hat sich Hermann F. Reemtsma, dessen Wirken in sozialen und karitativen Bereichen wie auch bei der Förderung der Künste und Wissenschaften sich sonst, weitgehend der öffentlichen Würdigung entzogen, im stillen abspielte, doch noch ein bleibendes Andenken in Hamburg geschaffen. E. T.