Noch in dieser Woche will der Aufsichtsratvorsitzer der Bremer Borgward-Werke AG. dem Senat einen Bericht über die Entwicklung dieses größten bremischen Industrieunternehmens vorlegen, das Ende letzten Jahres in akute Zahlungsschwierigkeiten geraten und dann (im Februar) vom Land Bremen übernommen worden war. Auf diesen Bericht von Dr. Semler ist man in Bremen um so mehr gespannt, als die Ansichten über die Fortschritte in der Sanierung der Bremer Werke und über das, was mit dem Unternehmen geschehen soll, stärker denn je auseinandergehen. Während von Dr. Semler und vom Vorstand der Carl F. W. Borgward GmbH, Direktor Warn, die Situation keinesfalls pessimistisch beurteilt wird, ist man sich offensichtlich in Senatskreisen jetzt der schweren Bürden und wohl auch der erheblichen Risiken bewußt geworden, die mit der Übernahme des Borgward-Komplexes für das Land Bremen erwachsen sind. Wohl aus dieser Erkenntnis heraus hat der Senat kürzlich auch versucht, den Bremer Holzkaufmann Hermann D. Krages für eine Beteiligung an der Borgward-Werke AG. oder für deren Übernahme zu interessieren. Zwisen Finanzsenator Dr. Nolting-Hauff und Hermann D. Krages sowie zwischen diesem und Dr. Semler sind Besprechungen im Gange.

Auf der anderen Seite verlautete aus dem Haus von Konsul Dr. Carl F. W. Borgward, daß er sein bis zum 30. Juni befristetes Optionsrecht auszuüben gedenke. Konsul Borgward kann, so sagt es die Vereinbarung, sein Unternehmen zurückerwerben, indem er das Aktienkapital der Borgward-Werke AG. in Höhe von 50 Mill. DM zum Kurse von 115 vH übernimmt. Zu diesen 50 Mill., die von der Borgward-Werke AG. als zinsloses und unbefristetes Darlehen an die Carl F. W. Borgward-GmbH gegeben wurden, auf die alle Firmen des Konzerns vereinigt sind, kommt noch eine Liquiditätshilfe in Höhe von 5 Mill. DM, die der Senat inzwischen dem Unternehmen gegeben hat. Strittig wäre wohl nur das Agio von 7,5 Mill DM, da die Option lediglich auf die Produktionsgesellschaft die GmbH also – bezogen werden kann; die zunächst vorgesehene Konzentration der Teilbetriebe in der AG ist ja bisher nicht erfolgt. Konsul Borgward sieht für sich gewisse Chancen in einem Zusammengehen mit dem größten britischen Autoproduzenten, der British Motor Corporation (BMC). Drei Vertreter dieser britischen Gesellschaft waren kürzlich mehrere Tage in Bremen, um sie Betriebsstätten in Augenschein zu nehmen. Offensichtlich verhandelt Konsul Borgward aber auch noch mit anderen möglichen Interessenten. Bei BMC soll „in aller Kürze“ eine Entscheidung im Hinblick auf die Übernahme des Werkes fallen.

Die Fortschritte in der Sanierung des Borgward-Konzerns werden unterschiedlich beurteilt. Daß es weiter gewisse Schwierigkeiten gibt, zeigt allein die Tatsache, daß die bewußten 5 Mill. DM Liquiditätshilfe bereitgestellt werden mußten, und darüber hinaus eine Erklärung von Dr. Semler in Wiesbaden, daß eine Erhöhung im Aktienkapital der Borgward-Werke AG. erforderlich sei. Bei einem Kapitalumschlag von 4- bis 6mal im Jahr und einem angestrebten Jahresumsatz von 400 Mill. bis 600 Mill. – DM errechnet sich als Kapitalbasis eine Summe von 100 Mill. DM. Ob das Land Bremen angesichts seiner weiteren Aufgaben im Hafenbau und im Hinblick auf die Errichtung einer Universität bereit sein wird, diese neuen erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, ist durchaus offen. Feststeht offensichtlich, daß man beim Senat möglichst schnell aus dem eingegangenen Engagement wieder herauskommen möchte, und daß man notfalls die Optionsfrist verlängern würde.

Die ersten vom Land Bremen gegebenen 50 Mill. DM Grundkapital sind ausschließlich in den Abbau der Verbindlichkeiten gegenüber den Lieferanten geflossen, die sich von rund 120 Mill. DM auf gut 60 Mill. DM ermäßigt haben. Die Verminderung der Forderungen, die Drosselurg der Produktion, der Abbau der Lagerbestände um etwa 4000 auf 10 000 Automobile, die Schließung der Hubschrauber-Entwicklungsabteilung, die Produktionseinstellung des Lloyd-Alexander und die jetzt beschlossene Verlegung der „Arabella“-Produktion in das Stammwerk Sebaldsbrück sowie eine Konzentration der Lkw-Fertigung, schließlich der Abschluß eines Vertrages mit der Goliath Hansa Argentina S. A. in Buenos Aires – das sind die bisher sichtbar und bekannt gewordenen Sanierungsmaßnahmen und -erfolge. Das argentinische Unternehmen, an dem Borgward nicht beteiligt ist (im Gegensatz zur Borgward Argentina S.A., von der 50 vH bei der Carl F. W. Borgward GmbH liegen), hat sich nach einem zwischen Borgward und dem Argentinier (deutscher Abstammung) Manfredo Taubenfeld geschlossenen Vertrag verpflichtet, ab 1962 mit einer Laufzeit von fünf Jahren jährlich insgesamt 4000 „Hansa 1100“ und 10 000 „Arabella“-Wagen zu montieren. Das Auftragsvolumen des Fünf-Jahres-Vertrages wird von Borgward mit über 200 Mill. DM angegeben. Die Montage erfolgt in einem neuerrichteten Werk in Empalme Villa Constituzion in der Provinz Santa Fe. Der Verkauf wird über 15 Verkaufsstellen in Argentinien erfolgen. – Auch in Brasilien erhofft sich die argentinische Firma Absatzchancen.

Das ist der bisher hellste Silberstreifen am Horizont der Borgward-Entwicklung. Der Aufsichtsrat der Borgward-Werke AG., der in den letzten Wochen wiederholt tagte, tritt am 23. Juni zu seiner nächsten Sitzung zusammen Sml.