Von Wolfgang Leonhard

Heinz Brandt flog am 16. Juni – einem Freitag – nach Westberlin. Nach der Ankunft auf dem Flughafen Tempelhof, gegen 18 Uhr, rief er noch einen Bekannten an, einen Professor der Freien Universität, bei dem er – wie früher schon öfter – übernachten wollte. Am Montag sollte er für seine Zeitung, die Gewerkschaftszeitung Metall, an einem Gewerkschaftstag der IG Handel, Banken und Versicherungen teilnehmen. Der sonst so pünktliche Heinz Brandt erschien dort jedoch nicht.

Der ganze Montag verging – von Brandt war nichts zu hören. Auch am Dienstag warteten seine Freunde in Berlin und der Bundesrepublik vergebens auf ein Lebenszeichen. Dann, am Mittwoch, dem 21. Juni, kam die kurze Meldung der sowjetzonalen Nachrichtenagentur ADN: "Am 17. Juni 1961 ist im Bezirk Potsdam der Agent Heinz Brandt, 52 Jahre, bei der Durchführung von Aufträgen für westliche Geheimdienste festgenommen worden."

In dieser zynischen Form hat Ostberlin den jüngsten kommunistischen Menschenraub bekanntgegeben. Denn daß es Menschenraub war, daß Brandt – wahrscheinlich schon kurz nach seinem Eintreffen – aus Westberlin entführt wurde, ist nicht zu bezweifeln. Jeder, der ihn kennt, weiß, daß er niemals freiwillig in den Ostsektor Berlins oder gar nach Potsdam gegangen wäre: Nur wenige Menschen in Deutschland haben so schreckliche Erfahrung mit der Diktatur gemacht wie er.

Als ich Heinz Brandt im Sommer 1945 kennenlernte, war er nach elf Jahren Zuchthaus und KZ-Lager eben erst wieder frei geworden. Elf Jahre Haft – weil er seit seinem zwanzigsten Lebensjahr Kommunist war und überdies Jude... Als Student der Volkswirtschaft hatte er sich 1929 der KPD angeschlossen. Dafür wurde er in die Zuchthäuser Luckau und Brandenburg geschickt, dafür mußte er in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Auschwitz und schließlich Buchenwald. Dort befreiten ihn im April 1945 die Amerikaner.

Damals erlebte Brandt die glücklichsten Tage seines Lebens. "Wann denn war ich glücklich?" so schrieb er viele Jahre später. "Ich war es nach Zeiten unsäglicher Pein damals, im April 1945, als wir uns im KZ Buchenwald freigekämpft hatten und aufs neue strahlend die Sonne schien." Endlich, so glaubte er, werde er mitarbeiten können am Aufbau des antifaschistischen und sozialistischen Deutschlands.

Zunächst führte uns ein dienstlicher Kontakt zusammen: Heinz Brandt war Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda in der Berliner Leitung der KPD; ich war in derselben Abteilung des Zentralkomitees. Aber aus dem dienstlichen wurde bald ein persönlicher Kontakt. Nach zehnjährigem Aufenthalt in der Sowjetunion schloß ich mich unwillkürlich an jene Kommunisten an, die in Deutschland geblieben und hier gegen das NS-Regime gekämpft hatten. Sie waren, so spürte ich, "anders" als die kalten und berechnenden Parteiapparatschiks, die ich bis dahin in der Sowjetunion kennengelernt hatte. Gewiß, auch manche von ihnen verwandelten sich bald in kalte Apparatschiks. Heinz Brandt aber gehörte nicht dazu; er blieb seinem Ideal und seinem Charakter treu. Häufig verbrachten wir unsere Wochenenden gemeinsam in einem kleinen Erholungsheim in Berlin-Schmöckwitz. Wir beide hatten eine gemeinsame Leidenschaft: Wir paddelten gern.