Wenn wir ehrlich und selbstkritisch sein wollen, so weiß es jeder von uns – und gelegentlich sagt es uns auch unser Wirtschaftsminister oder ein wachsamer Kirchenfürst –, daß die zunehmende Neigung zum Wohlleben, zu immer gesteigertem Komfort, zum Wohlfahrtsdenken sich bedrohlich zur schiefen Ebene schwindender Volksmoral auswächst. Mag ein wohlhabender Genußmensch auch mit Verachtung auf seinen ärmeren, durch Entbehrung und Arbeit gesünderen Verwandten herabsehen – in der Stunde der Prüfung wird er neidvoll auf dessen bessere Kondition, bessere Moral blicken.

Ich habe vor einigen Wochen einmal die Liste der sogenannten gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft einer soziologischen und statistischen Untersuchung unterzogen, nicht etwa, um Medaillen auszuspielen und Plus- oder Minuspunkte zu vergeben, sondern einfach, um einmal den Anteil der Zone, in die wir unsere Lebensmittelpäckchen oder Kleider-Pakete schicken, an dieser nationalen Anstrengung kennenzulernen. Bei diesem Studium erfährt man, daß von 321 Teilnehmern 130 aus der Zone – sie hat etwa ein Drittel unserer Bevölkerung – und 191 aus der Bundesrepublik stammten. Dehnt man das Studium auf die drei Grundübungen aus, die zum Kernprogramm des Schulsportes zählen, so muß man feststellen, daß 52 Millionen Bundesrepublikaner in Rom durch 49, 18 Millionen Deutschdemokratischer Republikaner durch 46 Leichtathleten vertreten wurden. Und das ist noch die günstigste Relation; denn von 15 Geräte-Turnern, die uns in Rom vertraten, kamen nur vier aus Westdeutschland, aber elf aus der Zone. Und schließlich standen zwölf westdeutschen Teilnehmern in den Schwimm-Wettbewerben 25 von jenseits des Eisernen Vorhanges entgegen.

Niemand sollte uns verdächtigen, wir möchten um eines besseren westdeutschen oder bundesrepublikanischen Anteils an der gesamtdeutschen Mannschaft willen unseren freiheitlichen Lebensstil aufgeben. Aber deutet nicht die ungewöhnliche Stärke dieses kleinen totalitären Staatsgebildes in den Grundübungen der Leichtathletik, des Schwimmens und des Turnens, auf eine großzügigere, konsequentere Förderung jugendlicher Körperbildung hin? Sind diese erstaunlichen Zahlen Zufall – oder sind sie symptomatisch für Versäumnisse und Fahrlässigkeiten unserer Staatsapparatur und unserer Gesellschaft? Sind sie nicht Warntafeln, die unsere Gleichgültigkeit ansprechen wollen, unser argloses Laufenlassen der Dinge anprangern?

Giraudoux hat einmal behauptet, die Sportplätze seien die Waagschalen der Rassen. Ein solches Wort hat, nach allem, was Rassenpolitik angerichtet hat, für uns Deutsche einen heiklen Beiklang. Aber da es von einem der glänzendsten französischen Schriftsteller dieses Jahrhunderts stammt, ist es wohl vor jedem Mißverständnis sicher. Es sagt auch nichts anderes aus, als jeder aufmerksame Beobachter in Melbourne oder in Rom selbst feststellen konnte.

Der Zweikampf der beiden Giganten Rußland und Amerika; das Wiedererstarken eines freilich politisch imaginären Gesamtdeutschlands; ein Nachlassen der skandinavischen Kräfte; der erstaunliche sportliche Fehlbetrag des seit Jahr und Tag von Krieg und Putsch heimgesuchten Frankreich (den de Gaulle nach jüngsten Meldungen mit einem Einsatz von 448 Millionen Mark für den französischen Sport bis Tokio wettzumachen hofft); das hervorragende Abschneiden der Ungarn und Polen, die sich ja durch blutige und unblutige Revolutionen oder auch Evolutionen als die charaktervollsten und eigenwilligsten Zwangszöglinge der kommunistischen Weltrevolution ausgewiesen haben; das Aufkommen der Afrikaner... – wer Augen hatte, zu sehen, der hatte wunderbare Gelegenheit, die Waage der Völker und Rassen pendeln zu sehen.

Halbe Verpflichtungen

Daß sich in diesen natürlichen Kampf der Rassen nun der Kampf der Weltanschauungen, der politischen Systeme mischt, können wir zwar bedauern, aber nicht ändern. Wir sind nicht die Angreifer – aber als Bedrohte und Attackierte stehen wir vor der Wahl, zu kapitulieren oder uns zu verteidigen. Und wenn in dieser Angelegenheit ein offenes Wort erlaubt ist, so müßte es etwa lauten: Wir sind Verpflichtungen eingegangen, die einen militärischen Beitrag zur Verteidigung der freien Welt betreffen, und es ist unumgänglich, daß wir sie leisten. Aber – die ungeheuren finanziellen Opfer, die wir für diesen Beitrag bringen, werden am Ende sinnlos gewesen sein, wenn wir die Verteidigung über das stellen, was zu verteidigen ist. Das heißt: wenn wir in den elementaren und für die Zukunft ausschlaggebenden Fragen nur halbe Arbeit, Stückwerk leisten. Eine Armee mit modernsten Waffen ausrüsten, aber die heranwachsende Jugend ohne die für ihr Wachstum und ihre Gesundheit unentbehrlichen Sportanlagen lassen oder sie auf antiquierte Überbleibsel zu verweisen, hieße wahrhaft: das Pferd am Schweife aufzäumen.