Warum der Westen eine Friedenskonferenz einberufen sollte

Von Marion Gräfin Dönhoff

Neulich sagte jemand: "Warum die Amerikaner sich eigentlich so über Chruschtschows Drohung mit dem Separatfrieden aufregen? Schließlich hat doch der gleiche Chruschtschow im November 1958 schon einmal mit großem Getöse dem Westen ein auf sechs Monate befristetes Berlin-Ultimatum gestellt, und dann passierte gar nichts, weil Washington, die NATO, die Bundesregierung und auch die Berliner sich nicht einschüchtern ließen. Man muß eben eisern am Status quo festhalten und glaubhaft machen – wie es die NATO damals im Dezember 1958 tat –, daß jede Verletzung der bestehenden Ordnung mit allen Mitteln geahndet wird."

Ja, wenn Politik so einfach wäre: Wer sich immer schön an die Gebote hält und nicht kleinmütig ist, der kommt in den Himmel... dann müßte es ein Vergnügen sein oder mindestens sehr befriedigend, Politik zum Beruf zu haben! Aber ist es so? Gilt jene brave Faustregel wirklich und unter allen Umständen? Sie gilt nur unter zwei Voraussetzungen:

1. muß derjenige, der auf eine Drohung mit einer scharfen Gegendrohung reagiert, dem anderen überlegen oder jedenfalls nicht unterlegen sein.

2. muß man unterstellen können, daß derjenige, dem man solchermaßen begegnet, gewillt ist, im Einklang mit der allgemeinen Vernunft zu handeln.

Ich erinnere mich gut eines Gesprächs mit Henry Kissinger, dem amerikanischen Wehrexperten, der als erster die Zusammenhänge zwischen Außenpolitik und moderner Waffentechnik systematisch untersucht hat. Es war im Sommer 1959. Damals, als die Atmosphäre unter dem Eindruck des sowjetischen Berlin-Ultimatums noch leise vibrierte. Kissinger sagte: "Nein, ich habe im Moment keine Sorgen. Aber 1961, da beginnt eine kritische Zeit, denn da wird die Lücke in der amerikanischen Raketentechnik offenbar, die voraussichtlich erst 1963 geschlossen werden kann." So genau also lassen sich für die Eingeweihten die politischen Krisen an Hand eines waffentechnischen Kräftevergleichs voraussagen!