Von H. M. Ledig-Rowohlt

Ernest Hemingway ist tot. Kein Schriftsteller dieses Jahrhunderts ist der Welt mit Leben und Werk so gegenwärtig gewesen wie er. Einer Generation ist er zum Vorbild, zur Legende männlichen Lebens geworden. Große Worte hat er nie geschätzt, er ist der Meister der Verknappung, ja des beredten Verschweigens. Wie sehr würde er verstehen, daß man sich außerstande sieht, einer Erschütterung Ausdruck zu geben, die zu tief geht, um sich in Worte fassen zu lassen.

Mein Vater, Ernst Rowohlt, war schon 1926 durch seinen Autor, den amerikanischen Journalisten Edgar Ansel Mowrer, auf Hemingway aufmerksam geworden. Mowrer hatte ihm eines schönen Tages erklärt: "Ich habe da einen tollen, vitalen jungen amerikanischen Schriftsteller für dich! Lies mal seinen Roman ‚The Sun Also Rises‘ – du wirst staunen, wieviel Whisky da auf jeder Seite getrunken wird." Väterchen, immer ein Mann kurzer Entschlüsse, erwarb die Rechte, ließ den Roman übersetzen, und so erschien "Fiesta" in Deutschland bereits Anfang 1928 als erstes Buch Hemingways auf dem Kontinent; nur einige Erzählungen hatte er vorher in Paris im Selbstverlag veröffentlicht. Große Erfolge wurden damals in Deutschland weder dieses noch seine anderen Bücher.

Dennoch knüpfte sich in kurzer Zeit ein festes freundschaftliches Band zwischen Autor und Verleger, welches das Vertragsverhältnis ersetzen mußte, denn Hemingway unterschrieb damals nie Kontrakte. "Schließ nie Verträge mit Verlegern!" sagte er in einem Gedicht an seinen Sohn, das der "Querschnitt" veröffentlichte.

Das waren aber, wie es schien, die besten Voraussetzungen für ein selten harmonisches Verleger-Autoren-Verhältnis, und Hemingway wurde der erklärte Lieblingsautor meines Vaters. Sie schrieben sich Briefe, in denen sie mit ihrem Whisky-Verbrauch, ihren Wander- und Jagdstrecken renommierten. So schrieb Hemingway am 30. November 1930 aus dem Bergstaat Montana:

"Ich liege hier im Hospital seit einem Monat, denn ich habe mir den rechten Arm glatt an der Schulter weggebrochen; deshalb Dir auch auf Deine Telegramme und Briefe nicht geantwortet. Bis zum Armbruch hatte ich einen großen Dickhorn-Widder, zwei Bären und einen Elchbullen erlegt und daneben 285 Seiten an meinem neuen Buch (Tod am Nachmittag) geschrieben. Dos Passos war mit mir zusammen, als ich den Jagdunfall hatte. Aber er blieb unverletzt. Ich habe übrigens von Dir kein Exemplar von ‚Männer‘ bekommen; wenn Du mich in Zukunft nicht besser mit Büchern versorgst und mit mehr Geld, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir einen anderen, vielleicht einen großen jüdischen Verleger zu suchen. Ich bin erstaunt, daß Du so wenig Geld für den Abdruck von ‚In einem anderen Land‘ bekommen hast. Fünftausend Mark hätte ich leicht selber kriegen können. Ich hoffe, Du bist wohlauf und guter Dinge, und daß alles nach Deinen Wünschen geht. Business kann in Deutschland nicht so schlecht sein wie in Amerika. Bald werden wir wieder einmal Krieg haben, und jeder wird fröhlich und bei Verdienst sein. Ich wollte, Du wärest mit uns in den Bergen gewesen. Übrigens freue ich mich für Dich, daß Sinclair Lewis den Nobelpreis erhalten hat. Schreib mir bloß sofort hierher. Das mit meinem Arm ist sehr schlimm gewesen, sie haben mich operieren müssen, und ich kann nicht schreiben und bin die ganze Zeit sauwütend. Meine Frau läßt Dich grüßen. Sie sagt, Du bist ihr Lieblingsverleger, aber daß Du uns nicht genug Geld einbringst. Sieh zu, daß Du Dich besserst. Jeder erzählt mir, die Deutschen seien so erfindungsreich. Du solltest auch erfindungsreich genug sein, um mir ein bißchen Geld zu beschaffen. Wenn ich so feine Bücher schreibe, warum versuchst Du dann nicht, ein paar davon zu verkaufen?"

Oder in einem früheren Brief aus Key West in Florida vom 18. Februar 1930, wo Hemingway lange Zeit ansässig war und auf Großfischjagd ging: