Seine Hände bleiben ruhig, auch wenn sie mitreden. Sie unterstreichen Gedankengänge und setzen Akzente mit knappen, zuchtvollen Bewegungen, nicht temperamentlos, aber diszipliniert. Unmöglich sich vorzustellen, daß sie mit Faustschlägen auf Rednerpulte donnern oder mit fahrigen Gesten durch die Luft segeln. So ist der ganze Heinrich Krone: Disziplin, Ruhe, Unaufdringlichkeit, Besonnenheit. Er ist der mächtigste Mann in der Kulisse der Regierungspartei, Adenauers Vertrauter, Klammer zwischen den verschiedenen Gruppen der CDU-CSU, Meister des Ausgleichs zwischen divergierenden Meinungen, potentieller Bundesminister im nächsten Kabinett (wenn die CDU wieder siegt), vielleicht eines Tages sogar Vizekanzler. Auf keinen Fall aber ist er Aspirant auf die Kanzlernachfolge.

Daß Krone der Nachfolger Adenauers sein könnte, glaubt Krone selbst am allerwenigsten. Er sieht seine Funktion, seine Nützlichkeit in der Partei, deren landsmannschaftliche, konfessionelle, berufsständische Vielschichtigkeit seinen Vermittlungskünsten immer wieder alles abverlangt. "Ich halte die Arbeit, die ich hier leiste, für wichtig, außerordentlich wichtig." Was aber, wenn Adenauer eines Tages abtritt? Die Antwort kommt kurz und hart: "Dann könnte ich mir vorstellen, daß ich ins Kabinett ginge. Dann muß eben das Kabinett stärker werden." Man merkt, daß hier eine fertige Konzeption vorliegt. Es bedarf für Dr. Krone keines Nachdenkens, um zu wissen, was er tun wird, wenn Adenauer – der starke Mann – nicht mehr an der Spitze steht: Er hat schon nachgedacht – sicherlich mit Adenauer zusammen.

Ob Heinrich Krone nicht auch schon zu Adenauers Zeiten ins Kabinett geht, bleibt offen. Aber auch darüber muß er nachgedacht haben, denn er widerspricht nicht, als ich den Namen Bruno Heck ins Gespräch werfe. Ob er, der frühere Bundesgeschäftsführer der CDU, wohl Krones Nachfolger auf dem Posten des Fraktionsvorsitzenden wird? Die klugen blauen Augen lächeln durch die randlose Brille, sie sagen nicht ja, sie sagen aber auch nicht nein. "Sie werden verstehen, daß ich dazu nichts sagen kann." – Ich verstehe.

Der ganze Mann ist aus Geduld zusammengesetzt. Das viele Grün um ihn – allein im Vorzimmer zählte ich zehn Blattpflanzen, hier sitzen wir wie in einem Gewächshaus – verrät die geduldige Hand eines Gärtners, der genau weiß, daß alles Zeit braucht, um zu wachsen und zu blühen. "Zeit" – das Wort schreibt er groß. Warum dies oder jenes Gesetz noch nicht angenommen worden sei? Die Zeit dazu sei nicht reif gewesen, meint Krone, doch die Zeit werde kommen, da man diese Dinge besser anpacken kann. Er drückt es bäuerlich aus: "Es läuft nächste Woche eine andere Sau durchs Dorf." Krone kann warten – und er wartet gern.

Zu dieser zähen Geduld paßt wie angegossen die Konzeption, daß man auch seine eigenen Freunde überzeugen müsse. "Was meinen Sie denn, passiert, wenn ich vor die Fraktion trete und sage: Das und das muß gemacht werden? Die erklären mich für verrückt. Ich muß sie überzeugen – und wenn’s nicht klappt, muß die Entscheidung eben aufgeschoben werden. Und wenn’s auch nachher heißt, die CDU sei sich über diese oder jene Frage ‚noch immer‘ nicht einig..." Wir kommen auf die Novelle zur Strafprozeßordnung zu sprechen, die das Recht zur Verhaftung neu regeln will, in dieser Legislatur aber nicht verabschiedet worden ist. "Das allgemeine Interesse dafür war nicht da. Schieben wir es lieber, habe ich mir gesagt, Überhastung bringt nichts ein. Und, sehen Sie, der Fall Stalmann hat inzwischen der Sache genützt, denn es ist an Hand eines drastischen Beispiels klargeworden, wo die Schwächen unserer Strafprozeßordnung liegen..."

Es will mir zum Bild dieses klugen, vorsichtigen, liebenswürdigen Vermittlers nicht recht passen, daß gerade er es war, der den Koalitionsideen der SPD eine brüske Absage erteilte. Wäre nicht gerade ein Mann wie Krone dazu geschaffen, eine Große Koalition zusammenzubringen und zusammenzuhalten? Hält er es wirklich für richtig, die zweitgrößte Partei der Bundesrepublik im Falle eines neuen Sieges der CDU weiter "da draußen vor der Tür" zu halten, außerhalb der Regierungsverantwortung? Hier wird nun deutlich, daß Krones Auffassung von der politischen Macht der des Bundeskanzlers sehr verwandt ist: Macht erwirbt man durch den Auftrag der Wähler – und man teilt sie nicht, wenn man nicht muß.

Heinrich Krone doziert leichthin über das österreichische Koalitionsbeispiel und findet es abschreckend: "Die Parteien sind dort nur Staffage. In den Spitzengremien der SPÖ und CVP wird alles vorher ausgehandelt. Koalitionsausschüsse, die vor der Regierungsbildung festlegen wollen, was die Regierung zu tun und zu lassen habe, sind uns unannehmbar." Aber – hier pariert der erfahrene Kämpe schon im voraus einen denkbaren Hieb – aber die CDU sei nicht an sich gegen Teilung der Regierungsverantwortung – das nicht. Man sei bereit – Beispiel DP –, nahestehende Parteien, die sich zur Mitarbeit anbieten, mit hineinzunehmen; man sei aber nicht bereit, sich die Macht von vornhinein, und sei’s auch nur teilweise, abhandeln zu lassen, um eine Koalition zu bilden.