Tutzing

Wenn jene Drohung wahrgemacht wird, mitder am Mittwoch vergangener Woche einige Dutzend Väter und Mütter in Tutzing am Starnberger See operierten, dann dürfte die Institution des Elternbeirats bald problematisch werden. Laut und vielstimmig erscholl dort der Schrei: "Schulstreik".

Tutzing, ein kleiner, hübscher Ort mit wohlhabenden Einwohnern, besitzt ein Realgymnasium, das, bis dahin privat, auf Wunsch des Gemeinderats am 1. Mai verstaatlicht wurde. Der Gemeinderat erklärte sich ausdrücklich mit einer öffentlichen Ausschreibung der Direktorstelle einverstanden, die das bayrische Kultusministerium vorgeschlagen hatte. Auf die Ausschreibung – die im übrigen genau den rechtlichen Vorschriften entsprach – meldeten sich 18 Bewerber, und einer von ihnen wurde vom Ministerium zum Oberstudiendirektor und Anstaltsleiter ernannt. Soweit verlief alles ganz normal.

In Tutzing aber wurde eine Sensation daraus gemacht. Denn die Tutzinger wollten plötzlich, daß der bisherige Leiter ihres Gymnasiums, Studienrat, Dr. Dr. Johannes Salomon, auch weiterhin auf seinem Posten bleiben sollte. Salomon, ein katholischer Geistlicher, hat sich um die Anstalt Verdienste erworben. In der Ausschreibung freilich unterlag er wie die anderen 16 Kandidaten gegen "den nach Eignung, Befähigung und Leistung Besten", August Haberl.

"Wenn Sie", so hieß es in einem Brief, den Haberl alsbald erhielt, "der vorbildliche Pädagoge sind, als der Sie vom Kultusministerium vorgestellt werden, dann können Sie nur auf Ihre Berufung verzichten. Möge Ihnen als Christ und Pädagoge die rechte Entscheidung leicht fallen". Als Absender zeichnete ein Ludwig Steichele, Rechtsanwalt zu München. Der verblüffte Haberl antwortete, er habe als Beamter die Weisung seines Ministers auszuführen. Steichele prophezeite darauf, Haberl werde in Tutzing gegen eine Mauer der Abwehr rennen.

Und Steichele hub an, seine Mauer der Abwehr zu bauen. Er verbreitete Behauptungen, die vom Ministerium kühl, aber nachdrücklich dementiert wurden. Als die Behörde noch klarstellte, Salomons Beförderung vom Studienrat zum Oberstudiendirektor (nach der bayrischen Dienstordnung soll dieser Rang mit der Ernennung zum Leiter einer staatlichen höheren Schule verbunden sein) unter Überspringung von zwei Besoldungsstufen sei nach dem Beamtenrecht einfach verboten, kleidete sich Steichele in einen Stresemann und trat als Sprecher auf einer Protestkundgebung der Tutzinger Eltern auf.

Damit den betroffenen Schülern auch gleich Anschauungsunterricht zuteil werde, wie sie dem neuen Direktor entgegenzutreten hätten, wurden sie zur Kundgebung beordert. Vom Applaus der Eltern immer wieder unterbrochen, legte Steichele los: "Wir werden weiterschreiten, kerzengerade, bis das Unrecht mit Stumpf und Stiel ausgelöscht ist." Anschließend warf der Anwalt dem Kultusminister vor, die Beförderung Salomons zum Studienprofessor bewußt zu verzögern – ein interessanter Verdacht, da bayrischen Behörden noch nie nachgesagt werden konnte, sie trieben Obstruktion gegen katholische Geistliche.