Auf den regelmäßigen Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau ist er schon fast eine legendäre Gestalt. Seine Kollegen zählen ihn zur „Alten Garde“, diesen stämmigen Finnen mit der sonoren Stimme, dessen Deutsch so erfrischend daherpoltert: Professor Artturi Ilmari Virtanen, der 1945 den Nobelpreis „für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der Agrikultur und Ernährungschemie“ erhielt.

Was Virtanen in diesem Jahr in Lindau zu sagen wußte, begann mit der lapidaren Feststellung: „Mein Vortrag enthält nichts Neues.“ Neu oder alt, was dann kam, war jedenfalls überraschend. Virtanen ist überzeugt davon, daß die Nahrungsmittelproduktion in den meisten Ländern der Erde heute schneller zunimmt als die Bevölkerung. Eine Ausnahme mache nur Afrika und Südamerika, wo die Bevölkerung beträchtlich wachse und die Ernährung sowohl qualitativ wie quantitativ unzureichend sei.

Die Produktionssteigerung der anderen Länder dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Welt-Nahrungsmittelproduktion bis zur Jahrtausendwende verdoppelt werden müßte. Im Jahr 2000 nämlich sei die Erdbevölkerung von den heutigen drei auf etwa sechs Milliarden Menschen angewachsen. Ihre Ernährung sei nur möglich, wenn die Düngemittelproduktion gewaltig gesteigert werde. Moderne Anbaumethoden, namentlich in den Entwicklungsländern, müßten eingeführt werden. Die von japanischen Wissenschaftlern – entdeckten „„Gibberelline“ (Stoffe, die das Pflanzenwachstum steigern) sollten weiter erforscht und besser eingesetzt werden. Außeidem, so meint Virtanen, sollten wir ans energisch der Zucht einzelliger Grünalgen zuwenden. Diese winzigen, zarten Algen nützten das Sonnenlicht besonders gut aus. Sie führten daher im Vergleich zu anderen Pflanzen eins besonders intensive Photosynthese durch – also jenen Vorgang, mit dessen Hilfe die grüne Pflanze aus dem Kohlendioxyd der Luft und dem Wasser Zucker und Stärke aufbaut. „Chlorella“ beispielsweise, eine dieser Algenarten, sei ein ausgezeichneter Eiweiß-Lieferant. Ihre Trockensubstanz enthalte rund 45 Prozent Proteine, ein Reiskorn dagegen nur sieben Prozent.

Virtanen, der im Jahre 1895 in Helsinki geboren wurde, hat 1919 sein Doktorexamen gemacht. 1924 wurde er Dozent an der Universität seiner Geburtsstadt, 1931 Direktor des dortigen Biochemischen Instituts. Seit etwa 1920 hat er sich leidenschaftlich mit dem Problem beschäftigt, wie man Futtermittel und Futterpflanzen ohne Qualitätsverlust konservieren kann. Virtanen ist stolz auf die Leistungen der Agrikulturchemie. Tatsächlich ist es mit ihrer Hilfe ja auch gelungen, die Ernteerträge von einst 700 Kilogramm Getreide je Hektar Ackerboden auf 3500 Kilogramm im Jahre 1958 zu erhöhen. Richtig betrieben, so glaubt Virtanen, könnte die Landwirtschaft mindestens 20 Milliarden Menschen ernähren.

Aber der finnische Professor gewinnt seinen Optimismus nicht nur aus den Leistungen der Agrikulturchemie. Er ist außerdem der Ansicht, daß sich die Weltbevölkerung nicht in alle Zukunft mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit vermehren werde. Alle Voraussagen, nach, denen sich die Menschheit eines Tages aus Raumnot totquetschen würde, seien Unsinn: Virtanens Bevölkerungskurve ähnelt einem schrägliegenden „S“, dessen aufstrebender Mittelteil dem heutigen schnellen Wachstum entspricht. Dieses Zuwachstempo, meint der finnische Professor, werde zwar noch ein Jahrhundert oder zwei anhalten und die Menschheit werde wohl bald 10 Milliarden Köpfe zählen. Früher oder später aber werde die Kurve umbiegen und flacher werden. Das Zuwachstempo werde nachlassen, denn schließlich könne sich die Menschheit immer nur im Rahmen ihrer Lebensmöglichkeiten vermehren.

Diese Andeutung hat Virtanen in Lindau leider nicht näher erläutert. An welche Art von Regulativen denkt er? Meint er Kriege, Hungersnöte oder Seuchen? Auch ein anderer Hinweis in seinem Vortrag blieb nebelhaft. Die Chemie habe mitgeholfen, so sagte er, die Voraussetzungen für die drohende Übervölkerung zu schaffen, und nun müsse sie mit dafür sorgen, daß die Menschenlawine wieder gestoppt werde. Meint er, daß die Chemiker die Mittel für die Geburtenbeschränkung bereitstellen sollten? Eine genaue Auskunft blieb Virtanen schuldig.

Das eigentliche Problem der Übervölkerung, erklärte Virtanen schließlich, sei nicht die Nahrungsversorgung. Die Gefahren seien vielmehr politischer Art. Die schnell zunehmenden Menschenmassen begünstigten die Diktaturen. Im Ameisenstaat aber sei kein Raum mehr für Individualität und Menschenwürde. Virtanen, der als Fachmann optimistisch ist, scheint als Politiker eher Pessimist zu sein. Theo Löbsack