Von Josef Müller-Marein

Während man in vielen Städten den Eindruck hat, es seien aus den Trümmern zwar die alten Straßenfluchten wieder auferstanden, nicht aber der alte Stadtgeist, begegnet man in Köln, wo sich doch fast alles verändert hat, auf Schritt und Tritt vertrauten Lebensäußerungen. Und dabei sollte einer, der eine Stadt von Jugend auf kennt, bei seinen Besuchen doch eher die Wandlungen feststellen als das Bleibende. Man sagt, das Unwandelbare Kölns läge darin, daß die Kölner sich unablässig in ihrer angestammten Lebensart übten. Aber warum sagt man dies nicht auch von den Hamburgern oder den Frankfurtern? Von den Münchnern und Stuttgartern – um Bürger anderer Großstädte zu nennen – freilich sagt man es. Dürfen die Kölner, die Stuttgarter, die Münchner etwa deshalb mehr als eingefleischte Bürger ihrer Stadt gelten, weil sie es deutlicher zeigen?

In Köln wurde die Hundertjahrfeier eines Hauses begangen, das nicht mehr steht: ein Vorgang, an dem Max Ernst, der Meister des Surrealismus, natürlich seine Freude hatte. Er war zu Besuch in seiner Vaterstadt, um die neugestiftete "Lochner-Medaille" entgegenzunehmen. Auch sah ich, wie Mataré, der Meister der hohen Bildhauerkunst, Lucie Millowitsch, der kölschen Königin der deftig-heiteren Muse, einen herzlichen Begrüßungskuß auf die Lippen drückte. Und Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor boten ein Bild besten Einvernehmens, das sogar echt war. Die Kölner lassen sich, obwohl doch überall der große Wahlstreit tobt, weder die Freude an dem humorigen, warmherzigen Burauen (SPD) noch an dem zurückhaltenden, trockenen ("drögen") Max Adenauer nehmen, der als des Kanzlers tüchtiger Sohn doch hoffentlich zur CDU gehört.

Es handelte sich darum, den Tag zu begehen, an dem vor hundert Jahren der reiche Herr Johann Heinrich Richartz – Kaufmann und Kunstliebhaber von hohem Rang – die Stadt Köln und das Andenken an den Kanonikus und letzten Rektor der alten Universität, den Professor Wallraf, dadurch ehrte, daß er für die längst angesammelten Kunstschätze ein Haus errichten ließ: das Wallraf-Richartz-Museum. So wurde die Zeit eingeleitet, da allenthalben städtische Kunsthallen – und übrigens auch städtische Orchester – entstanden. Man trug die Kostbarkeiten zusammen, "machte sie der Allgemeinheit zugänglich", repräsentierte sich selber durch großzügige Schenkungen und bedachte nicht, daß manches schöne Madonnenbild nun im Museum profaniert würde. Das Schimpfwort "museal", das einen Zustand treffen soll, von dem auch heute niemand weiß, wie er gebessert werden könnte, war ungebräuchlich. Alle freuten sich an einem Kunstbesitz, den einige gestiftet hatten.

Und das ist auch heute noch so, wo derjenige, der in alten kunstreichen Städten etwas auf sich hält, den Satz "Reichtum verpflichtet" unter anderem so versteht, daß er sich durch den Museumsdirektor verführen läßt – in Köln durch den Professor Dr. von der Osten – ein Kunstwerk von entsprechend hoher künstlerischer Qualität zu stiften. Gezielte Überzeugungskraft – das ist solch eines Direktors wesentliche Kunst, die er allerdings beim Studium der Kunstgeschichte nicht erfahren hat. Im übrigen ist noch fast jeder Museumsdirektor aus Leidenschaft – und wer wäre dies nicht? – der Meinung, daß sein Haus zu wünschen übrig lasse. Natürlich auch Gert von der Osten in Köln.

Das alte Haus, das Richartz stiftete, hat das allgemeine kölnische Schicksal geteilt. Schade um den prächtigen Bau? Wer könnte solche Frage stellen! Hier war es, wo das Kriegsbild von Otto Dix – menschliche Eingeweide in laublosen Baumstümpfen, ein Skandal der zwanziger Jahre – hinter einem Vorhang hing. Wer den Anblick vertrug, durfte an der Kordel ziehen: eine salomonische Lösung. Hier war es, wohin man unter der Obhut der Eltern oder der Lehrer ebensooft ging wie in den Zoo, der in Köln der "Zonologische Jaarden" hieß: wie streng blickten die Museumswärter, wie glatt war der Fußboden, wie dunkel mußte ein Bild sein, damit der Lehrer bedeutsam den Zeigefinger hob! Hier war es, wohin man eines Tages schlich, als die Mädchen anfingen, Beine und Busen zu haben: Die Maler und Bildhauer (besonders die klassischen) hatten dies längst erkannt. ("Komisch, wie der Junge sich für Kunst interessiert! Das hat er vom Vater!") Hier war die Welt, an die man den Jugendfreund verlor, der dem Fußballklub den Rücken kehrte und jetzt Kunstwissenschaft studierte. Was das Wallraf-Richartz-Museum in seinem künstlerischen Reichtum, bedeutet – Fachleute sprechen von einem außerordentlich hohen Rang –, kann derjenige niemals kritisch ermessen, der beim Eintritt in die Hallen sagt: "Hier war es, wo ..."

Aber war es wirklich hier? Rudolf Schwarz, der ein großer Architekt war, ist – wie es heißt – bis zu seinem frühen Tod besonders stolz auf den Neubau des Wallraf-Richartz-Museums gewesen, den Dr. Konrad Adenauer – wie es ebenfalls heißt – nicht ausstehen konnte. Dennoch war Adenauer zur Jubiläumsfeier nach Köln gekommen, das ihm, dem langjährigen Oberbürgermeister, sehr viel Gutes zu verdanken hat; eine Tatsache, die auch die politischen Gegner des Kanzlers anerkennen.