Nordrhein-Westfalen

Tuckernd ziehen schwere Traktoren volle Anhänger langsam an die Rampe der Obst- und Gemüseversteigerung "Vorgebirge G.m.b.H." in Roisdorf. Hier und dort sieht man auch noch ein Pferdefuhrwerk. Die Schlange der Wartenden ist ein Kilometer lang. Seit zwei Uhr ist Hochbetrieb auf dem Betriebsgelände am Bahnhof Roisdorf. Die Versteigerungsuhren summen und klingeln. Die Männer in den beiden Kabinen preisen monoton die Ware der Bauern an. Die Großhändler auf der Tribüne eilen zwischen Sitzplatz und Telephon hin und her: Ein Bild wie in der Börse. Statt Wertpapiere versteigert man hier Stachelbeeren, Wirsing, Salatgurken, Kirschen, Erdbeeren.

Erdbeeren – frisch geerntet – wollte am vergangenen Mittwoch auch der Landwirt Manfred Brock aus Koblenz-Hochheim versteigern lassen. Man bot ihm 19 Pfennig pro Pfund. "In den Läden kosten sie heute eine Mark", protestierte der Landwirt. Die Händler interessierte es nicht. Da lenkte der Mann sein Fahrzeug zur Pfaffendorfer Brücke und kippte fast die ganze Tagesernte in den Rhein. Nur ein Zentner blieb auf dem Wagen. Den bekamen das Städtische Waisenhaus und die Arbeiterwohlfahrt. Vierzig andere Erdbeer-Züchter aus dem Mittelrhein-Gebiet klatschen Beifall.

Drei Bauern aus Roisdorf lehnen heute an einem Pferdefuhrwerk, das mit Bohnenkisten beladen ist. Sie diskutieren über den Landwirt aus Koblenz-Hochheim und über ihre Lage: "Sellerie 8 Pfennig das Pfund auf der Versteigerung. Später haben sie es für 80 Pfennig verkauft..." Ein anderer sagt: "Nee, nee, der Großhändler läßt sich nicht gern in die Karten gucken." Er wendet sich an einen der drei Bauern: "Denk an Hennes. Der hat sich beschwert. Danach haben sie ihn dann bei der Versteigerung kaum noch beachtet; ignoriert haben ihn die Händler..." Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Vom hinteren Traktor schlendert ein Bauer heran: "Ja, die Händler diktieren nun mal!"

*

Im Schatten eines Gemüsewagens sitzen fünf Bauern. Sie kauen Stachelbeeren und spucken die Hülsen in weitem Bogen über die Straße. Sie unferneher sich über dasselbe Thema: über den Zwischenhandel. "Manche haben eine Verdienstspanne bis zu 80 Prozent!" Er gestikuliert und erzählt von den Tomaten, für die er nur 10 Pfennig bekommen hat und die für 40 Pfennig später verkauft wurden. "Die verkaufen nichts unter 50 Prozent Aufschlag meint der Nachbar und spuckt aus. Vom Salat ist die Rede, den ein Bauer für 4 Pfennig abgeliefert hat und auf den dann die Händler 30 Pfennig draufgeschlagen haben. "Wenn die Händler viele Wagen mit großer Ladung sehen, drücken sie die Preise!"

Viele Bauern, zumeist Kleinbauern, versuchen die "Versteigerung Roisdorf" zu umgehen und fahren zur Bonner und Kölner Markthalle, um einen höheren Erlös für ihr Obst und Gemüse einzustreichen. Dort verkaufen die Bauern nämlich direkt an den Einzelhändler; der Großhändler ist ausgeschaltet. Aber: "Woher sollen wir die Zeit nehmen? Wer viel Ware hat, kann nicht mich Bonn fahren, weil die Markthalle für viel Ware nicht eingerichtet ist."