Vor Heinz Michaels

Professor Dr.-Ing. E. h. Heinrich Nordhoff, Vorsitzer der Volkswagenwerk Aktiengesellschaft, machte kaum ein Hehl daraus, daß er an einer Versammlung teilnehmen mußte, die er nicht gewünscht hatte: der ersten Hauptversammlung des VW-Werkes, der größten europäischen Automobilfabrik, des größten Industriebetriebes der Bundesrepublik. "Das Volkswagenwerk hat als einzige Aktiengesellschaft der Welt sein Kapital nicht von seinen Aktionären bekommen, sondern selbst aufgebracht", sagte er selbstbewußt. "Sie, meine Herren Aktionäre, haben Ihre VW-Aktien bei der Bundesregierung gekauft – das Werk hat keine Mark davon bekommen und wird sie auch nie haben."

Und dann rechnete Nordhoff den Aktionären die Risiken eines solchen Werkes vor. "Es ist wenig bekannt, daß seit Beginn dieser Industrie fast 3000 Automobilfirmen untergegangen sind, darunter Namen von ganz großem Klang." Die Automobilindustrie sei "eine ganz wetterwendische Industrie". – Nein, das Bild, das der Herr über 65 000 Arbeiter seinen erwartungsvoll vor ihm sitzenden Aktionären ausmalte, war durchaus nicht rosarot gefärbt. Zwar versicherte er nach einem stolzen Bericht über den stürmischen Aufbau aus eigener Kraft, er hoffe, "daß dieses Werk immer so erfolgreich sein wird, Ihr Vertrauen, meine Herren Aktionäre, durch eine gute Dividende zu rechtfertigen" – aber: "In jedem Fall muß Klarheit darüber bestehen, daß von einer wie auch immer gearteten Dividendengarantie keine Rede sein kann."

Und ebenso nüchtern, wie Nordhoff die Geschäftslage dargestellt hatte, erläuterte Dr. Wolfgang Siebert den Geschäftsbericht des Jahres 1960. Es war, als sollten die Tausende von Kleinaktionäre, die sich trotz der hochsommerlichen Hitze auf den Weg nach Wölfsburg gemacht hatten, vorsorglich eine kalte Dusche der Ernüchterung erhalten. Leicht verwirrt und verstört mögen viele, die zum erstenmal einer so nüchternen, geschäftsmäßigen Veranstaltung beiwohnten, wie es eine Hauptversammlung nun einmal ist, die ungewohnten Begriffe und die Zahlen, von deren Größenordnung sie sich kaum eine Vorstellung machen konnten, aufgenommen haben.

Nordhoff, wie schon gesagt, hatte diese Hauptversammlung nicht gewollt, denn er, bisher der ungekrönte König von Wolfsburg, war gegen die Privatisierung. Doch nun, da das Privatisierungsgesetz vorliegt, erfüllte der Vorstand seine Pflichten mit mustergültiger Präzision. 550 Hilfskräfte waren am Sonnabend letzter Woche aufgeboten, die Aktionäre zu empfangen und richtig an ihre Plätze zu dirigieren, die Stimmkarten auszuteilen und einzusammeln, sie mit elektronischen Rechenmaschinen auszuzählen – 60 000 Karten in der Stunde – und überall hinter den Kulissen tätig zu sein. 7750 Überstunden leisteten sie an diesem Tag. 15 000 Klappstühle waren ausgeliehen und in der halbfertigen Halle 9 in Reih und Glied aufgestellt worden.

Doch die Hälfte der Stühle blieb leer. Von den angemeldeten 12 000 Aktionären waren nur rund 7000 gekommen. Die Schocktherapie Nordhoffs – auf der Hauptversammlung gibt es nichts zu essen, nichts zu trinken, und die Unterkünfte in Wolfsburg sind knapp – hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Das hochsommerliche Wetter tat ein übriges. "Bei diesem Wetter setze ich mich doch nicht in diese stickige Halle", meinte ein junger Arbeiter in kurzärmligem gelbem Hemd und legte seinen Stimmzettel kurzentschlossen einer Interessenvertretung auf den Tisch, die ihr Büro in einer Gastwirtschaft vor dem Werkseingang aufgeschlagen hatte. Innerhalb von zwei Stunden sammelte dieser Aktionärsverein am Sonnabend noch 800 Stimmen von Aktionären, die es sich im letzten Moment anders überlegt hatten und vielleicht dem internationalen Fußballspiel Schalke 04 gegen Feyenoord Rotterdam im VfL-Stadion den Vorzug gaben.

Die anderen jedoch, die ihren Vorsatz verwirklichten, waren unterdessen mit Eifer bei der Sache. Sie fühlten sich als Besitzer. Und sie fragten, fragten, fragten. Warum ist der Blinker so und nicht anders konstruiert? Kann nicht jeder Aktionär einen VW zum Werkspreis haben? Sollte das VW-Werk nicht mit den VW-Sparern Frieden schließen? – Nun, Nordhoff scheint Frieden schließen zu wollen, jedenfalls kündigte er neue Verhandlungen mit den Sparern an. Doch einen VW zum Werkspreis, da wollte er nicht heran, leider.