Die deutschen Börsen boten in letzter Zeit kein allzu erfreuliches Bild. Die Berlin-Krise nagt an den Kursen! Dabei sind es natürlich nicht die deutschen Anleger, die sich jetzt von ihren Papieren trennen. Es sind vornehmlich spekulative ausländische Kreise, die sich von deutschen Aktien lösen; außerdem natürlich Leute, die – durch schlechte Erfahrungen nervös gemacht – politischen Risiken gegenüber besonders empfindlich geworden sind. Interessant ist, daß Schweizer Finanzkreise auf die sich wieder verschärfenden Ost-West-Spannungen stärker reagieren, als es beispielsweise in den USA der Fall ist. Das mag mit der treuhänderischen Funktion der Schweizer Banken zusammenhängen, die große fremde Vermögen zu verwalten haben und glauben, besonders vorsichtig sein zu müssen.

Der deutsche Berufshandel (oder wenn man will: die Spekulation) versucht in diesen Tagen ein Bild von der vermutlichen Weiterentwicklung zu gewinnen. Zwei Auffassungen stehen sich gegenüber. Nach der einen haben wir bis zum Jahresende in bezug auf Berlin noch mit harten Belastungsproben zu rechnen, die sich in entsprechenden Kursrückschlägen auswirken werden. Wer so denkt, spukuliert jetzt à la baisse, d. h. stößt an freundlichen Börsentagen Papiere ab, von denen er annimmt, daß er sie eines Tages billiger wieder kaufen kann. Die andere Partei sieht dagegen die gegenwärtige Börsenschwäche nur als eine vorübergehende Erscheinung an, die sehr plötzlich vorbei sein kann. An schwächen Tagen werden von dieser Gruppe die Positionen verstärkt, besonders in den gedrückten internationalen Werten. Immer nach dem Motto: Politisch schwache Tage sind Kauftage!

Über eines sind sich allerdings beide Parteien einig: Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft, die Beschäftigungslage der Industrie (und ihre Auftragsbestände) rechtfertigen die jetzige Börsenschwäche nicht. Die hohen Investitionsquoten lassen eine weitere Vollbeschäftigung als sicher erscheinen. Von steuerlichen Mehrbelastungen ist keine Rede mehr. Die DM-Aufwertung ist für die Mehrzahl der Betriebe ein abgeschlossenes Kapitel. Beunruhigt bleibt man allerdings durch die vielen Gerüchte über eine sich angeblich abzeichnende allgemeine Währungsneuordnung, in deren Mittelpunkt eine eventuelle Pfundabwertung stehen soll. Solche Maßnahmen würden die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie erneut belasten, zu einem Zeitpunkt, wo sie von der Kostenseite her ohnehin gedrückt wird.

Sieht man sich die Marktgebiete der Börse im einzelnen an, so liegt der Hauptverkaufsdruck natürlich bei allen Papieren, in denen sich das Ausland in der Vergangenheit stärker engagiert hat. Dazu gehören die IG-Farben-Nachfolger, AEG, Siemens und auch die Aktien des VW-Werkes. "Stützungsaktionen" der Banken waren glücklicherweise bislang nicht notwendig, weil auf ermäßigter Basis stets ausreichend Käufer vorhanden sind. Darunter auch große deutsche Versicherungsunternehmen, die – langfristig betrachtet – in den jetzigen Kursen eine gute Chance sehen. Im übrigen gibt es auch mutige Ausländer, die bei sinkenden Kursen als Käufer auftreten. Es handelt sich um jene Finanzkreise, die der Meinung sind, daß sich der Berlin- (oder Deutschland-)Konflikt nicht lokalisieren läßt, also auch nicht an der Schweizer Grenze haltmachen wird.

Daß sich die Montan-Aktien der wenig freundlichen Tendenz nicht ganz entziehen konnten, ist verständlich. Insgesamt war die Haltung dieser Papiere doch einigermaßen stabil. Dabei spielen weniger die schon üblich gewordenen Erklärungen über die "Unterbewertung" der Montan-Aktien eine Rolle (diese wird man erst dann glauben, wenn die Leute, die sie abgeben, auch selbst kaufen), als vielmehr die über dem Sparkassenzins liegende hohe Rendite sowie die Hoffnung, daß eine verstärkte konventionelle Rüstung (von der immer häufiger die Rede ist) der Schwerindustrie die volle Ausnutzung der Kapazitäten auch in Zukunft sichern wird.

Der Berufshandel versuchte in den abgelaufenen Tagen erneut, seine Unkosten auf dem Feld der hochspekulativen Automobil-Aktien zu verdienen. Das war allerdings ein hartes Brot, denn auch hier sind die Kursbewegungen zähflüssiger geworden. Der VW-Kurs lag – wie schon erwähnt – durch Ausländerverkäufe unter Druck. Da von der VW-Verwaltung auf der Hauptversammlung alles vermieden wurde, was nach Optimismus hatte aussehen können, konnte es von dieser Seite her keinen Kursauftrieb geben. Um so verwunderlicher war es allerdings, daß sich auch der Daimler-Kurs nur relativ geringfügig gerührt hat, obwohl bei Daimler zum zweiten Male Berichtigungsaktien gegeben werden (diesmal im Verhältnis 2:1). Das Daimler-Kapital befindet sich zum größten Teil im Besitz von Großaktionären oder Börsenkennern, die wissen, daß ihnen durch diese Lösung mehr gedient ist als mit einer kräftigen Dividendenheraufsetzung, die dann leicht sozialpolitische Probleme aufrührt. Kurt Wendt