Von Peter Hommerich.

Die allsommerliche Lindauer Nobelpreisträger-Tagung hat sich im Laufe der Jahre zu einem kategorischen Imperativ entwickelt: Man geht einfach nach Lindau – dieses Jahr als Chemiker. Der Lindauer Kongreß stand in seinen ersten Jahren im Zeichen der Rehabilitation Deutschlands unter dem alle Grenzen sprengenden Zepter der Wissenschaft. Aber bald wurde eine neue Aufgabe in den Vordergrund gestellt: Begegnung zwischen den Generationen. Und man kann wohl sagen, daß kaum eine Aufgabe heute so dringend ist wie diese, in ihrem menschlichen wie wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekt. Ein internationales Publikum von Gelehrten und Adepten aller Grade soll im Schatten der Unsterblichen mit sich, der Welt, der Wissenschaft, mit Alter und Jugend ausgesöhnt werden – wozu man sich denn auch keine idealere Kulisse als den sommerlichen Bodensee und keinen besseren Mentor als den Grafen Bernadotte, Herrscher der Insel Mainau, vorstellen könnte.

Betrachtet man jedoch die Listen der illustren Gäste, so findet man nach den 17 Laureaten (Born, Butenandt, Debye, Domagk, Hahn, von Hevesy, Krebs, Kuhn, Martin, Müller, Reichstein, Robinson, Ruzicka, Stanley, Staudinger, Synge und Virtanen), nach Vertretern der Behörden bis zu leibhaftigen Ministern (Balke), nach 24 Magnifizenzen und 16 Spektabilitäten sowie einem halben hundert ganz schlichter Professoren, Direktoren und Industrie-Mäzene eine klaffende Lücke: man findet unter "ferner liefen" ganze drei junge Dozenten deutscher Hochschulen als Repräsentanten des habilitierten Nachwuchses.

Das mag sonst niemandem weiter aufgefallen sein, es bleibt aber dennoch die Frage: Wollen sie nicht, oder dürfen sie nicht? Oder verstecken sie sich im namenlosen Publikum der 500 eingeladenen Studenten, "älteren Semestern, die keinen Radau machen", wie offiziell verlautete?

Die Jungen sitzen ehrfurchtserschauernd zu Füßen der Großen dieser Welt. (Sie wären wahrscheinlich ebenso bewegt, wenn ihnen diese frommen Gefühle weniger intensiv nahegelegt würden.) "Unseren" Otto Hahn reden zu hören, das ist schließlich ein Erlebnis, vor dem im Grunde jeder Kommentar verstummt. Vollends aber das Bekenntnis zu seinen eigenen wissenschaftlichen Irrtümern, denen Hahns Vortrag gewidmet war, macht diesen Mann in seiner Lauterkeit zum Sinnbild all dessen, woran wir festhalten müssen, um vor der Wissenschaft, nein, vor den Versuchungen der Wissenschaft, vor dem Drang zur Macht zu bestehen.

Die Jungen photographieren, wohl dem, der sein Ideal stets schwarz-weiß am Busen tragen kann. Ergriffene Herzen flüstern: "Da, schau, der mit dem Schmiß: Butenandt!" Es ist, als sänke ein Hauch von Glorie auch auf sie herab. Aber niemand von den Jungen grüßt: das wäre schon zuviel gewagt. Es ist der Lohn des Tages für den unbekannten Professor, dem Unsterblichen ein "Grüß Gott, Herr Kollege" zuzuwinken. Wer es weiter treibt, ist ein Journalist.

Das große Bankett ist zu teuer für die Jungen. Und daß sonst keine Melange vorkommt, dafür steht die Sitzordnung.