Rom, im Juli

Sie ist wirklich schon ein richtiges Denkmal!" – mit diesen Worten würdigte Johannes XXIII. die Sondernummer des "Osservatore Romano", der vatikanischen Zeitung, die am 1. Juli ihren 100. Geburtstag feierte. Der trotz seines weißen Haarschopfes jugendlich aussehende Chefredakteur Raimondo Manzini hatte dem Papst ein in weiße Seide gebundenes Exemplar der Jubiläumsausgabe überreicht. Mehr als 200 beim Vatikan akkreditierte Journalisten aus allen Erdteilen waren zur Feier im Konsistoriensaal des apostolischen Palastes eingeladen und hörten die Ansprache des Papstes, der warmherzige und manchmal mit feinem Humor gewürzte Worte fand. Daß dieser Empfang einem Familienereignis glich, hatte einen tieferen Sinn: Das fleißige Studium des "Römischen Beobachters" – den Ausdruck "Lektüre" zu gebrauchen, erscheint allzu leichtfertig – ist für die in Rom wirkenden Journalisten die Grundlage der oft schwierigen Berichterstattung über das Leben und Werk der katholischen Weltkirche.

Dabei ist der "Osservatore Romano nicht einmal das offizielle Blatt des Vatikans, auch wenn der sich seiner bedient, um in unauffälliger Form wichtige Beschlüsse zu veröffentlichen: Ernennungen von Kardinälen, Berufungen zum bischöflichen Amt oder Gedanken des Nachfolgers des Apostelfürsten. Vatikanamtlich sind nur die Bände der "Actae Apostolicae Sedis".

Was dem "Osservatore Romano einzigartigen Wert verleiht, ist die von der Kirchenführung zwar inspirierte, im übrigen aber völlig selbstverantwortlich und ohne jede Gefall- und Sensationslust geleistete journalistische Arbeit. Persönlichkeiten von Rang – ob Priester oder Laien – und anonyme Mitarbeiter in aller Welt beleuchten hier mit großer Sachkenntnis das politische Geschehen, religiöse, kulturelle und naturwissenschaftlich-technische Probleme. Staatsmänner, Diplomaten und Politiker in West und Ost studieren die im vatikanischen Miniaturstaat hergestellte Zeitung meist sehr sorgsam. Zu ihren treuesten Abonnenten zählt die römische Sowjetbotschaft, die täglich fünf Exemplare nach Moskau schickt.

Wie der Jubiläumsausgabe: zu entnehmen ist, beträgt die Auflage 120 000. Während des letzten Krieges, als die italienische Presse höchst einseitige Nachrichten über den Kriegsverlauf zu bringen gezwungen war, blieb der "Osservatore" ein neutrales Blatt, veröffentlichte folglich die Bulletins beider Seiten und verkaufte 300 000 Exemplare. Mussolini las ihn regelmäßig. Zwar drohte er mehrmals, den Chefredakteur einzusperren, aber es blieb bei der Drohung. Nicht einmal der Vertrieb des Blattes in Italien wurde verboten, und dies, obwohl Guido Gonella, der heutige italienische Justizminister, täglich gepfefferte Glossen gegen das faschistische Regime schrieb, die von Mund zu Mund weitergegeben wurden.

Einundvierzig Jahre lang war Graf Giuseppe Dalla Torre Chefredakteur. Er führte sein Amt unter vier Päpsten von 1919 bis 1960, aber zuletzt vurde bekannt, daß er sich mit Pius XI. nicht gut vertrug. Dem Papst Pacelli mißfiel der barocke, schwerverständliche Stil des im Dienst ergrauten Journalisten, der obendrein noch recht eigensinnig war. In den letzten Jahren seines Pontifikates hat ihm Pius XI. keine private Audienz mehr gewährt, dafür aber mit spitzer Feder auf den Fahrenabzügen stets peinlich genau die Berichte über seine eigenen Reden korrigiert. Dalla Torres erster "Verleger", Benedikt XV., hatte eine andere Methode der Kritik. Täglich kritzelte er auf ein Eillett Zensuren von lakonischer. Kürze. So zum Beispiel: "Chefredaktion sehr, gut, andere Redaktion gut, Druck mangelhaft, Papier sehr schlecht."

Die Nummer vom 1. Juli 1861, die den Untertitel: "Politisch-moralisches Journal" trägt, ruft in der Darstellung der Geschichte dieser Zeitung die ganze Leidenschaft des ideologischen Kampfes zwischen der italienischen Einigungsbewegung mit ihren liberalen Ideen und der konservativen Kirche ins Gedächtnis zurück.