Der Besuch des Vizepräsidenten der Vereinigten Arabischen Republik, El-Boghdadi, in Deutschland hat Kairo eine beachtliche Wirtschaftshilfe eingetragen. Eine Milliarde DM werden in den nächsten Jahren den Weg zum Nil und Euphrat finden, wobei allein das Damm-Großprojekt bei Tabqa am Oberlauf des Euphrat etwa 500 Millionen DM schlucken soll.

Die Modalitäten der gewährten Hilfe sind bis jetzt nicht bekannt; man weiß nichts über den Zinsendienst, die Ziehungsquoten, die Rückzahlung und weitere Bedingungen des Kredites. Fest steht aber, daß die Bundesrepublik und die VAR in einem nüchternen kommerziellen Ton miteinander verhandelt haben: Es sind also keinerlei politische Vorstellungen in die Kreditaktion "eingewoben". Die VAR muß nun allerdings auf die "günstigen Konditionen", wie sie normalerweise russische Gelder in der Wirtschaftshilfe auszeichnen, verzichten, und die Bundesrepublik tut gut daran, den psychologisch-demonstrativen Aspekt dieser deutschen Wirtschaftshilfe im arabischen Raum nicht allzu sehr zu betonen.

Die technischen Details des Euphrat-Dammbaues sollen bei anderer Gelegenheit ausführlich dargestellt werden. Für den Laien imposant wirken schon die ganz allgemeinen Daten: Der rund 650 m lange Hauptdamm wird bei 60 m Höhe eine Speicherkapazität von etwa 25 Milliarden Kubikmeter haben. Die Fallstufe bei Tabqa wird Generatoren mit 600 000 kW installierter Leistung treiben. – Noch bedeutungsvoller ist die wasserwirtschaftliche Qualität des Projektes. Es sollen durch die Aufstauung dem trockenen Boden (der in der Antike aber einmal sehr fruchtbar gewesen ist) etwa 7000 km hoch 2 urbaren Landes abgerungen werden. Syrien erhält dadurch nicht nur eine industrielle Infrastruktur, sondern genießt auf einem Areal von der Größenordnung des halben Landes Schleswig-Holstein eine echte topographische Verbesserung und "Verschönerung".

Da es sich bei dem Euphrat-Stau um ein wirklich gigantisches Projekt handelt – auch im finanziellen Ausmaß –, kann man sich die Vorsicht und Sorgfalt der ägyptischen Stellen wohl erklären, mit der sie bei der Realisierung zu Werke gehen, Sie wollen ein Maximum aus der Anlage herausholen und werden deshalb durch die Ergänzung der ehemals russischen Pläne durch "deutsche Gründlichkeit" gut fahren!

Man sollte sich vielleicht bei dieser Gelegenheit ganz summarisch die ökonomischen Folgen dieses großen Unterfangens vor Augen führen. Die deutsche Hilfe wird voraussichtlich bei gesamten Baukosten von 1,5 Milliarden DM jenen Devisenbetrag für die VAR bringen, der für den Kauf von Investitionsgütern im Ausland nötig sein wird. Damit ist für Syrien ein für allemal das Problem der stufenweisen Finanzierung gelöst und man braucht nicht zu befürchten, daß durch unvorhergesehene Zahlungsbilanzschwierigkeiten eine Verzögerung im Bau eintritt.

Die Provinz Syrien mit ihren 4,5 Millionen Einwohnern (das sind rund 1/6 der Bevölkerung Ägyptens) erhält durch das Euphrat-Projekt ein lange erwartetes Eigengewicht. Es wird schon während der Bauzeit und erst recht nachher ein Bevölkerungszustrom in das erschlossene Gebiet einsetzen, und damit ein echter wirtschaftlicher Wachstumsprozeß ausgelöst werden. Zunehmender Wohlstand in der syrischen Provinz der VAR wird die Folge sein. Ein nicht leicht zu lösendes Problem mag die Steigerung der tauschwirtschaftlichen Leistung der VAR ins Ausland darstellen. Der veredelte Boden wird zweifellos in größerem Ausmaß agrarische Produkte und Rohstoffe liefern und man muß heute schon die Wünschbarkeit eines steigenden Absatzes dieser Güter Richtung Europa, nicht zuletzt auch im Gläubigerland Deutschland, betonen.

Es ist aber – so wollen wir gerne anerkennen – nicht nur eine Frage des Kapitals, sonder in erster Linie eine Frage der arabischen Ausdauer, ob und wann die Euphrat-Investitionen, durch deutsche Wirtschaftshilfe gefördert, wirklich ertragreich werden. Hermann Riedle