Ein literarisches Ereignis: Lausbergs Rhetorik-Handbuch

Von Peter Demetz

Dr. Peter Demetz, Autor von "René Rilkes Prager Jahre" und "Marx, Engels und die Dichter", ist Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale-Universität.

Wort und Begriff der Rhetorik (und ihrer Schwester, der Poetik) provozieren im Deutschen eine Art von Pawlowschem Reflex: wer Rhetorik sagt, dem antwortet man zumeist mit trocken, dürr, kalt und unfruchtbar – als ob wir immer noch bei den Stürmern und Drängen! hielten und sie unsere literarwissenschaftlichen Gesetze diktierten (sie tun’s).

Allerdings hatte ja die Generation; die heute den akademischen Unterricht beherrscht, nicht eben reiche. Gelegenheit, ihre Achtung vor der europäischen rhetorischen Tradition, wie sie in Quintilian, Longinus, Boileau und Pope inkarniert war, bedeutend zu üben; die Verhältnisse, die waren nicht so.

Ein schneller Blick in den eigentlichen Spiegel der Epoche, die Lexika und Nachschlagebücher, belehrt über den anti-rhetorischen Ungeist der Zeit: das "Reallexikon der Literaturgeschichte" (erste Auflage 1928/29) zum Beispiel berichtet zehn Spalten lang über "Schwäbische Volksdichtung" und konserviert manches gelehrte Detail über "Rheinpoesie" (drei Spalten) und "Schnaderhüpfl" (fünf Spalten), nur das Stichwort Rhetorik ist in den drei Bänden leider nicht zu finden: – und was dem Reallexikon recht ist, das ist natürlich dem völkisch-strammen "Sachwörterbuch für Deutschkunde" nur billig, welches zwar nicht mit Rhetorik, aber mit eingehender Belehrung über Volkstum, Volkstanz und (sieh da) Reparationen aufzuwarten weiß; diese Dinge gehören offenbar innig zur Deutschkunde. Die repräsentativen Literaturwissenschaftler jener Epoche sind dann, wen darf es wundern, Künder analoger Ideen von der Literatur.

Robert Petsch, dessen Schüler heute so manchen bedeutenden Lehrstuhl verwalten, betrachtet rhetorische Fragen als äußerliche Elemente (der geheime Kern der Dichtung ist, wie bekannt, irrational); und Hermann Pongs, seit je zu radikalem Provinzialismus entschlossen, arbeitet auch heute noch an einem wirklich artgerechten System der Literaturwissenschaft, in welchem die Krähwinkelei als "deutsches objektives Gleichnis", als "letzthin immer auf das menschliche Seelenleben zurückverweisende Subjektivität der Gleichnisform" starrköpfig triumphiert. Ach, du letzthinniges deutsches Seelen-Monopol!