Geheimsender – Seite 1

Von Wolfgang Ebert

Ich will mich nicht gescheiter machen, als ich bin, und schon gar nicht gescheiter als Millionen meiner Mitmenschen. Auch ich bin ja auf diesen Scherz hereingefallen.

Es klang alles durchaus überzeugend. Nachdem man jahrelang von einem II. Fernsehprogramm geredet hatte, konnte es ja tatsächlich endlich zustande gekommen sein. Und gerade weil es, der Kontrastwirkung wegen, unter keinen Umständen von den alten Anstalten betrieben werden sollte, war es ja für den, der unsere gute liebe Bundesrepublik gut kennt, fast eine ausgemachte Sache, daß es dann doch gerade sie machen würden.

Eines Tages war es soweit. Zwischen mehreren Bundesgerichtsentscheidungen, einstweiligen Verfügungen (inzwischen eine unserer beliebtesten Freizeitgestaltungen) und Verwaltungsanfechtungsklagen hatte sich ein Vakuum aufgetan, in dem plötzlich alles möglich war – sogar ein II. Fernsehprogramm. In das hüpften die Sender flugs hinein – zuerst ein bißchen unordentlich partikularistisch, dann aber mit geballter Stoßkraft.

Und seit dem 1. Juni senden sie nun – behaupten sie. Inzwischen weiß so ziemlich jeder, daß sie gerade das nicht tun, sonst würde es ja irgendeinen Menschen geben, der das, was sie da senden, schon einmal gesehen hat!

Das Ganze ist eine Fiktion. Die Sender wurden unvorbereitet getroffen, und da kam ein genialer Kopf auf die Idee, das Programm einfach zu erfinden, und zwar so überzeugend, daß es schließlich jeder glaubt. Dazu natürlich auch die dazugehörigen Sender, inklusive Mitarbeiter und Intendanten.

Die Bayern, immer zu Scherzen aufgelegt, gaben ihrem den lustigen Namen: Dr. Benno Hubensteiner. Wer ihnen bisher Mangel an Phantasie vorgeworfen hatte, der wurde nun eines Besseren belehrt. Im Erfinden von Programmen, die nicht gesendet werden, sind sie unüberbietbar. Da wird einem ja beinahe der Mund wässerig, wenn man liest, was man beinahe gesehen hätte: eine Schönberg-Uraufführung aus Wien; alte Stummfilme; ein Samba-Festival; Ballette von Balanchine; Mahalia Jackson – um nur einiges zu nennen.

Geheimsender – Seite 2

Manche Leute fühlten sich in ihrem Glauben an das II. Programm durch die Zeitungskritiken bestärkt. Dort wurden sogar schon Bilanzen gezogen, unter besonderer Berücksichtigung der Frage, ob eine Sendung wie "Es darf gelacht werden" einen echten oder unechten Kontrast zum I. Programm (Bühnenaufführung von "Hermann und Dorothea") darstellt. Warf man bisher Fernsehkritikern manchmal vor, sie hätten Sendungen besprochen, die sie gar nicht gesehen hatten, so schrieben sie jetzt über Sendungen, die sie gar nicht gesehen haben konnten – was, moralisch gesehen, ein Unterschied ist.

Zuerst waren alle Fernsehkritiker fest entschlossen, zuzugeben, daß sie das II. Programm nicht sehen können. Aber dann tanzte einer von ihnen aus der Reihe, indem er eine französische Komödie "Staatsaffären" recht detailliert besprach – woraufhin sie auch von allen anderen kritisiert wurde. Und fortan gab es kein Halten mehr.

Ab und zu hört man natürlich von Leuten, die dieses II. Programm gesehen haben wollen, im überzeugendsten Falle in der Wohnung eines Intendanten. Ich kenne persönlich niemanden, sondern höchstens jemanden, der jemanden kennen will, der ... Man kennt das ja.

Lassen wir uns keine Flausen in den Kopf setzen. Mein Gerät sieht so aus, als ob es zwanzig Programme gleichzeitig empfangen könnte – wenn es die gäbe. Aber das II. kriegt es nicht. Und wenn das, wie manche meinen, an dem Balkon über unserem Fenster oder an den 27 Bäumen liegt, die sich zwischen mir und dem Sender befinden – ich kenne Leute, die kriegen es unterm Hochhausdach hausend auch nicht.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit dem I. und III. Programm zu begnügen. Das III. Programm hat dem II. einen wesentlichen Vorzug voraus: Es ist zwar nicht im Gespräch, aber dafür sendet es. Bedenkt man, wie schwer es dieses Programm hat – es muß ja einen Kontrast zum vorhandenen I. und zum nicht vorhandenen II. bilden –, so sind seine Leistungen bemerkenswert. Auch kann man hier nun endlich einmal lehrreiche, wenn auch zugegebenermaßen reichlich freimütige Sendereihen wie "Liebesbräuche bei fernen Völkern" sehen, die das recht prüde II. Programm nicht einmal nicht senden würde, weil sie zu den bekannten heißen Eisen gehörten, die niemand anfassen will.

Beim III. Programm kennt man diese Scheu nicht. Hier war man nämlich so klug, sämtlichen Angestellten – und nicht wie anderswo nur den Intendanten – mit unkündbaren, lebenslänglichen Verträgen den Rücken zu stärken. Wenn es aber noch eines überzeugenden Beweises für die Qualität des III. Programms bedurft hätte, so liefert ihn die Zahl der Fernsehräte. Während sich das II. Programm mehr schlecht als recht mit lumpigen 66 davon begnügen muß, ist man beim III. Programm schon viel weiter. Dort besteht der Fernsehrat aus 132 Mitgliedern. Und das ist erst der Anfang.