Diese Veranstaltung ist ja schon Tradition", sagten die Initiatoren des alljährlichen Hochseefischertages, der kürzlich in Bremerhaven stattfand, doch sie vergaßen hinzuzufügen, daß er auch schon traditioneller Stichtag der Klagen der Hochseefischerei ist. So sprach der Direktor des Verbandes Deutscher Hochseefischereien, Degener, von einem "Berufsstand im Schatten der Konjunktur"; Skeptiker bezeichneten die gegenwärtige Lage der Hochseefischerei mit dem uns nahezu fremd gewordenen Ausdruck "Wirtschaftskrise" und sagten lakonisch: "Nach vielem Auf und Ab sind wir mal wieder unten."

Was ist wahr an diesem Notstandsgerede? In der Tat sieht sich die Hochseefischerei in dem Dreivierteljahrhundert ihres Bestehens nunmehr zum vierten Male gezwungen, ihre Existenz fast völlig neu aufzubauen. Das erste Mal war es der Übergang von der Segelkutter-Fischerei vor der heimatlichen Küste auf den Fischfang mit Dampfkraft in ferneren Teilen des Meeres; der zweite und dritte Neubeginn fielen jeweils in die Folgejahre der beiden Weltkriege, weil Reparationen und Kriegsverluste die Fischdampferflotte stark dezimiert hatten. 1945 betrug der Verlust gar 82 vH. Über 400 Mill. Mark hat der Wiederaufbau der Flotte seit der Währungsreform gekostet; 80 vH davon waren Fremdkapital.

Und obgleich sich diese Investitionskosten bis jetzt kaum amortisiert haben, ist der größte Teil der heute fünf bis elf Jahre alten konventionellen Fischdampfer zwar nicht technisch, aber längst wirtschaftlich veraltet.

So ging auch der Fang der gesamten Flotte von 479 000 t im Jahre 1956 auf 360 000 t im Jahre 1960 zurück.

Zwei Ursachen können dafür angeführt werden: Biologische und besonders hydrographische Veränderungen haben den Fortzug der Fischschwärme von einem Teil der bisherigen Fanggründe bewirkt (und die Reeder haben sich nicht, wie ihre amerikanischen Kollegen es großzügiger- und nicht ganz selbstloserweise taten, zur Einrichtung privater Forschungsinstitutionen entschließen können). Zum anderen wurden in den letzten Jahren herkömmliche Fischereigebiete – so vor Island und Norwegen – durch Ausdehnung der Hoheitsgewässer abgesperrt (und hier trifft der Vorwurf die Bundesregierung, die bisher versäumt hat, hartnäckig etwa wie England Sonder-Staatsverträge mit den betreffenden Anliegernationen abzuschließen).

Diese beiden Umstände bedingten zum vierten Male den Aufbau einer deutschen Fischereiflotte, die sich heute auf die Anforderungen der Fernfischerei, den Fang auf neuen, entfernt liegenden Gründen – etwa vor Westgrönland, Neufundland, Labrador und so gar Afrika – einzustellen sucht. Dies alles erforderte die Konstruktion, den Bau und nicht zuletzt die Finanzierung eines ganz neuen Schiffstyps, der geeignet ist, bei weiteren Fahrten, also einer größeren "Leerlaufzeit", wirtschaftlich zu arbeiten. Dies ist das Kombischiff, das mehr als bisher von der verderblichen Ernte des Meeres laden und an den Markt bringen kann. Die Gefriertechnik, Patenkind der Kriegsnöte, bot hier gute Möglichkeiten. Fisch, der – zwischen Eisstückchen gelagert – begrenzt haltbar war, kann nun durch Seefrostung von nahezu tischfertigen Filets bei minus 40 Grad beinahe unbegrenzt haltbar gemacht werden.

Die Schwelle in ein neues Fischereizeitalter, das der schwimmenden Fischfabriken und der Fernfischerei, wird in diesem Jahr überschritten. Existierten Ende 1960 neben rund 200 konventionellen Fischdampfern nur 13 Schiffe dieses neuen Typs (Baukosten je 4,5 Mill. Mark), so werden es Ende 1961 etwa 35 kombinierte Fang- und Fabrikschiffe sein. Die Produktion an Tiefkühlfisch steigt damit innerhalb von zwei Jahren sprunghaft auf das Vierfache, nämlich auf annähernd 10 000 t. Mit der Seefrostung und den projektierten landfesten Tiefkühlanlagen erhalten die Produzenten nun zum erstenmal die Möglichkeit, den Absatz in Mangelzeiten zu steuern. Domit wäre auch das Problem des zeitweiligen Überschusses erstklassiger Speiseware auf dem Markt gelöst – aber ein neues Problem sogleich geschaffen: "30 Grad Hitze im Binnenland nimmt den Verbrauchern leider immer noch den Mut, Seefisch zu kaufen", sagten die Bremerhavener Marktforscher; der schlechte Klang der Vokabel "Tiefgefrier..." wirkt aus den Kriegszeiten heute noch nach. Die deutsche Fischwirtschaft kann, aber die erwünschte "Mobilisierung von Verbraucherkreisen" nicht erreichen, indem sie weiterhin den Fisch nur als Rohprodukt – tiefgefroren oder nicht – anbietet. Die Möglichkeit, dieses Rohprodukt zu veredeln, wie es die Fischindustrie etwa in Norwegen getan hat, um dem verfeinerten Geschmack der Konsumenten entgegenzukommen, wurde bei uns bisher kaum genutzt. So wird sich die deutsche Fischerei bei der weiteren notwendigen Produktionssteigerung der Seefrostung auch des Exports bedienen müssen.