Von Thomas v. Randow

Eigentlich hat mich Whirlwind enttäuscht. Whirlwind, die elektronische Rechenmaschine in Cambridge (Massachusetts), Dabei ist dieser Apparat sehr vielseitig; ganze Industriezweige verdanken ihm ihre Existenz; manchem Forscher hat Whirlwind weitergeholfen; die Maschine hat sogar die strategischen Pläne der USA beeinflußt.

Wenn Whirlwind nicht mit Forschungsaufträgen beschäftigt war, konnte man Ticktacktoe – ein vereinfachtes Mühlespiel – mit ihr ausfechten. Es war schwer, die Maschine zu schlagen, aber mit einer bestimmten Zugfolge war es möglich. Geschah das, dann druckte sie auf ein Papierband: "Ich gratuliere, Sie haben gewonnen!" So eindrucksvoll diese Show war – Spielfeld und Züge leuchteten auf einem Fernsehschirm auf –, so hatte sie doch wenig mit "Maschinen-Intelligenz" zu tun, wohl aber viel mit der Intelligenz ihres Programmierers. Er hatte vorher alle Ticktacktoe-Spiele durchgerechnet und sie mit vielen Anweisungen für Whirlwinds Speicher und Operationselemente auf einen Lochstreifen übertragen. Ob er sich einmal dabei geirrt oder bewußt eine Spielmöglichkeit zugunsten des menschlichen Gegners offengelassen hatte, weiß ich nicht.

Auch mir hat Whirlwind bei vielen Berechnungen geholfen. An dieser Maschine wurde ich in die Geheimnisse des Programmierens eingeführt; aber ich wiederhole: Der Elektronenrechner hat mich enttäuscht, denn er war herzlich dumm. Er hat die Rechenfähigkeit eines Schülers der zweiten Klasse. Gerade, daß er addieren und subtrahieren konnte! Alle anderen Operationen, auch das logische Schließen, führte er auf diese Grundrechenarten zurück. Er war überdies hoffnungslos unselbständig, und man mußte ihm bis ins einzelne vorschreiben, was er tun sollte. Alles, was er zu bieten hatte, war seine Schnelligkeit. Die allerdings war so enorm, daß er auf seine primitive Art in Sekundenschnelle fehlerfrei eine Aufgabe lösen konnte, zu der ein Mensch vielleicht Monate oder Jahre brauchen würde.

Ja, Whirlwind ist dumm, dennoch trifft schon auf sie zu, was der Mathematiker Norbert Wiener von den Maschinen der Kybernetik sagt: "Ich behaupte, daß Maschinen die Grenzen, die ihnen von ihren Konstrukteuren gesetzt sind, überschreiten und damit gefährlich werden können." Natürlich wird der Elektronenrechner – wie überhaupt alle bisher konstruierten Automaten – vom Menschen vollständig beherrscht. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Nicht die Maschine ist gefährlich. Sondern die Programmierung und die Auswertung der Ergebnisse bergen Gefahren: Der Rechenautomat kann, bei geeigneter Programmierung, Entscheidungen treffen, von diesen ausgehend weiter entscheiden und so fort. Das alles geht mit ungeheurer Schnelligkeit vor sich. Der Benutzer aber, der mit der Arbeitsweise des Gerätes – und die Programmierung ist schon ein Teil der Arbeitsweise! – nicht vertraut ist und sie nicht in ihrer logischen Verflechtung völlig überschaut, kann die Ergebnisse falsch deuten, und manchmal mögen diese Deutungen verhängnisvoll sein.

Die Elektronenrechner sollen nichts als willige Sklaven sein. Freilich verlangen wir von ihnen immer mehr "Intelligenz". Intelligente Sklaven? Nach allem, was wir bisher wissen, ist das ein Widerspruch in sich selbst.

Von ganz anderer Art als die Elektronenrechner sind Maschinen, die Zufallselemente mit "in Rechnung" setzen und nicht vorher bestimmbare Entscheidungen treffen, zum Beispiel Shannons "Knobelmaschinen". Ihr Spiel ist einfach. Maschine A setzte auf "gleich" und B auf "ungleich". Die Geräte können eine Null oder eine Eins hervorbringen. Zeigen sowohl A als auch B das gleiche Symbol, dann gewinnt A. Zeigt A eine Eins und B eine Null, oder umgekehrt, dann hat B gewonnen.