Von H. M. Nieter O’Leary

Insel Skye, Anfang Juli

Glauben Sie noch an Feen? Auch nicht an das kleine Volk der Gnomen und Derwische? Ich glaubte auch nicht mehr daran, bis ich in Irland und auf den Hebriden-Inseln eines Besseren belehrt wurde. – Wenn es also stimmt, daß NATO-Truppen an den Raketenbasen auf den Hebriden-Inseln ausgebildet werden sollen und auch deutsche Truppen auf die Insel St. Kilda kommen, werden sie nicht nur mit den hervorragenden technischen Errungenschaften unserer Zeit bekannt werden, sondern auch mit dem Mythos der Hebriden, der keineswegs der Vergangenheit angehört.

Von den rund achthundert Inseln, die durch vulkanische Eruptionen entstanden, sind etwa 120 bewohnt, und an diesen hängt die gälische Bevölkerung mit beispielloser Zähigkeit. Im Frühling graben die Männer die felsige Erdkruste um und säen Hafer und Gerste; dann fahren sie im Sommer zum Fischfang aus und im Herbst ernten sie, was der Sturm auf kärglichen Äckern stehen ließ. Obwohl die Inseln jetzt vom schottischen Festland mit Elektrizität versorgt werden, hat sich das Leben dort, seit Wikingerzeiten, kaum verändert. Es sind auch noch dieselben Clans, die, wenn sie nicht gerade mit den Engländern Krieg führten, sich untereinander befehdeten oder als Landsknechte in fremde Dienste gingen.

Diese nordischen Inseln sind voller Sagen und Legenden, die erzählt werden, als wären sie gestern in der Abenddämmerung passiert. Die Inseln sind in Zeit und Raum verzaubert und verhext. Nirgendwoanders kriechen die Nebel vom Meer so geisterhaft über die Felsen, daß sie wie Schemen verlorener Seelen erscheinen, und dann die tanzenden Lichter auf den Mooren! Zwar sagen nüchterne Menschen, daß es sich bloß um entzündete Sumpfgase handelt. Aber wer auf den Inseln lebt, weiß es besser.

Die deutschen Soldaten werden sich daher nicht wundern dürfen, wenn sie abends auf dem Heimweg – nachdem sie den ganzen Tag über mit allem möglichen elektronischen Gerät hantierten – plötzlich vor ihren Baracken Feen tanzen sehen: echte Feen. Auch die auf den Mooren Purzelbaum schlagenden Kelpies (Gnomen) dürfen nicht mit übermütigen Karnickeln verwechselt werden. Die deutschen Soldaten werden sich auch daran gewöhnen müssen, die Meerfrauen auf den Felsenklippen von den Seehunden gut zu unterscheiden, um mit ihnen sprechen zu können. Allerdings müssen sie etwas gälisch lernen; denn die Sprache des Meeres ist gälisch. Wenn die deutschen Besucher sich dem gälischen Kulturkreis anzupassen versuchen, werden sie willkommen sein bei dem liebenswerten Fischervolk, den Feen, Kelpies und Leprachauns (Irrwische).

Allerdings waren die Raketenbasen der Bevölkerung höchst unwillkommen, und es bedurfte größter Machtworte der Regierung in London, um den Widerstand der Inselbewohner zu brechen. Auf einer der Inseln, ich möchte den Namen geheimhalten, damit Chruschtschow nicht glaubt, er hätte bei den Hebridenbewohnern Verbündete, erzählte mir Raonaild MacLeod, eine Fischerfrau, wie die Frauen auf ihrer Insel den Bau der Raketenrampen verhinderten. Die Frauen behaupteten mit Recht, daß die Abschußrampen auf ihrer Insel sie auch zum Ziel gegnerischer Raketen machen würde. Die Männer waren schon eher bereit, an den Rampen zu bauen. Die größeren Verdienstchancen beim Bau und die Aussicht, dadurch mehr von dem guten Hochland-Whisky genehmigen zu können, war für sie ausschlaggebend. In den Spinnstuben der Frauen wurde nun .. beraten, was zu tun wäre, um die widerspenstigen Männer zu bewegen, ebenfalls gegen das Raketenprojekt zu agitieren.