Wie zu erklären, daß dem Staatschef de Gaulle bei seiner Reise durch Lothringen allerorten der uneingeschränkte Jubel der Bevölkerung entgegenschlug und daß zur gleichen Zeit die Bauern mit ihren Treckern die Straßen und Schienen besetzt hielten? Hat etwa das eine mit dem anderen – der Jubel mit dem Protest – nichts zu tun? Kann es sein, daß man den Staatschef liebt, während man gleichzeitig – wie François-Poncet es neulich ausdrückte – "der Anarchie entgegenrutscht?"

Und es sind ja nicht die Bauern allein, die opponieren. Es haben schon die Lehrer – sogar die Lehrer! – opponiert, die Beamten und Angestellten, zuletzt noch einmal die Arbeiter der staatlichen Autofabrik Renault. Darüberhinaus haben sich kürzlich in einer Parlamentsdebatte über Algerien die Abgeordneten im Palais Bourbon so sehr erregt gezeigt, so wütend über die Regierung, daß der kluge Minister Joxe alle Mühe hatte, den Vorwürfen standzuhalten; gäbe es noch Abstimmungen, er wäre ein geschlagener Mann gewesen. Immerhin wirkte das Parlament noch einmal als eine Art von Sicherheitsventil, das den allgemeinen Ärgernissen Luft gab.

Weil das Volk aber weiß, daß die Abgeordnetenkammer recht einflußlos ist, wendet es sich an die Regierung selbst: mit Protesten, Streiks, mit Barrikaden, mit Prozessionen der Traktoren. Und Forderungen überall: Debré soll gehen – lieber heut’ als morgen! Ihn trifft der allgemeine Ärger über die Herrschaft der "schlecht funktionierenden Regierungsbürokraten". Warum aber trifft dieser sich zum Volkszorn steigernde Ärger nicht de Gaulle?

Die Antwort heißt: De Gaulle ist stark, und nur wenige zweifeln an seiner Stärke. Aber seine "Mannschaft" ist schwach. Von "oben" drückt der Befehl des Staatschefs, der "ja nicht alles allein machen kann", von unten drücken die (durch das Parlament nicht gefilterten) Vorwürfe, Forderungen, Bedrängnisse des Volkes. Je mehr die Regierung nachgibt – wie jetzt, da sie sich beeilt, den Bauern Wünsche zu erfüllen, deren Befriedigung sie ihnen längst zugesagt hatte, desto stärker wird der Druck. Möglich, daß der eine oder andere Minister der "Mannschaft" nun ausgetauscht wird. De Gaulle wird bleiben.

Fragt aber einer, wieso denn er allein nicht an Vertrauen eingebüßt habe, so lautet die Gegenfrage: Wer wäre denn anderes da, dem man vertrauen könnte?

Also wird Frankreich akzeptieren, was er befiehlt. Also wird aufmerksam gelauscht auf das, was er redet. So sprach er auch von den algerischen Rebellen und sagte: Algerien werde selbständig sein noch im Laufe dieses Jahres. Wolle es Frankreichs Freundschaft – desto besser: wir werden helfen! Wolle es sie nicht, werden wir Algerien teilen und die Million algerischer Europäer und die Million Algerier, die an Frankreich hängen, in abgetrennte Gebiete um Algier und Oran zusammenführen. Zwar halten wir die Teilung für eine sehr schlechte Lösung, so sagt de Gaulle, aber schlimmer wäre, wenn Algerien in einem Chaos à la Kongo versänke. Um beides zu verhindern – die Teilung algerischen Gebietes und das Chaos – wollen wir verhandeln, vorausgesetzt, daß Garantien für die Minderheiten gegeben werden.

In der Tat ist dieses Verlangen nach Ansicht der meisten Franzosen notwendig. Und also sagten die Lothringer "Ja", wo immer de Gaulle sich zeigte. Eine zweite Forderung aber – daß der FLN die Attentate und Terrorakte einstellen solle – soll nicht nur Ruhe in Algerien schaffen helfen; sie soll zugleich eine Möglichkeit "testen", insoweit, als für viele noch nicht schlüssig bewiesen ist, ob die "Rebellen" die eine und einzige Kraft der politischen Willensbildung sind. Können sie aber aus ihren Zentralen in Tunis befehlen, daß drinnen, in Algerien, Ruhe herrsche – möglichst "auf einen Schlag" – hätten sie nicht nur gezeigt, daß es nicht ohne sie geht, sondern auch, daß es mit ihnen allein geht.