Sartres Wohnung in Paris ist eine kleine und mit Büchern vollgestopfte Arbeitsstätte im vierten Stock eines Eckhauses in der Rue Bonaparte, mit einem Blick auf das Café des Deux Magots und die Kirche Saint Germain-des-Près. Ihr Besitzer ist ganz und gar nicht das finstere, furchteinflößende Orakel, das ich erwartete, sondern ein warmer, lebhafter, zugänglicher und schlagfertiger Mensch, agil, kompakt, sonnengebräunt, wie man es bei Intellektuellen in mittleren Jahren selten findet. (Oder war es vielleicht Gelbsucht?) Was folgt, ist die Zusammenfassung eines Interviews, das im ganzen etwa anderthalb Stunden dauerte.

KENNETH TYNAN: Sie sagten einmal, die "Eingeschlossenen" seien gar nicht das Stück, das Sie eigentlich zu schreiben vorhatten. Ursprünglich sollte es die Folterungen in Algerien behandeln, aber Sie verlegten es nach Deutschland, weil Sie glaubten, daß solch ein Stück in Paris nicht aufgeführt werden könne. Nun hat Genet jetzt ein Stück über Algerien geschrieben – "Wände überall". Glauben Sie, daß man es auf die Bühne bringen wird?

JEAN-PAUL SARTRE: Ich glaube es nicht. Es ist gedruckt worden, vielleicht gewinnt es auch einen Literaturpreis, aber das steht auf einem anderen Blatt. An sich gibt es in Paris keine Theaterzensur, aber es gibt die Selbstzensur der Theaterdirektionen. Sie haben Angst, daß die Polizei eingreift und eine Aufführung unter dem Vorwand, sie könne öffentliches Ärgernis erregen, verbietet. Das ist ein finanzielles Risiko, welches sie lieber nicht eingehen wollen.

TYNAN: Haben Sie Genets neues Stück gelesen?

SARTRE: Ja, und ich finde es hochinteressant. Es ist nicht die ganze Wahrheit über Algerien; es ist eine Version der Wahrheit, durch das Prisma Genetscher Gedanken und Genetschen Temperaments gesehen. Genet zufolge muß man das Böse auf sich nehmen, um das Gute zu erreichen. Ich meinerseits glaube nicht, daß man die Menschen zu dieser Art von Heldentum erziehen sollte. Aber Sie werden bemerken, daß es sich genau mit seiner Überzeugung deckt, Richter sollten so streng wie möglich sein. Nach Genet kann ein Mensch nur in der tiefsten Erniedrigung seine Menschlichkeit wiedergewinnen – wenn er zum Tode oder zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde oder die Welt ihn als Verräter verachtet. Es ist eine faszinierende Theorie, aber ich glaube nicht, daß sie sich auf das Problem eines kolonisierten Volkes anwenden läßt.

TYNAN: Würden Sie das gleiche von den "Negern" sagen: daß sie ein allgemeines Problem in sehr persönlicher Art und Weise zur Sprache bringen?

SARTRE: Ich glaube, ja. Obwohl viele Neger in dem Stück eine Art Resonanz gefunden haben. Ich meine, wie hier der Neger zwischen zwei Kulturen gezeigt wird. Gegen seinen Willen und fast, als wäre das Ganze ein Spiel, nimmt er an der Kultur der Weißen teil, und plötzlich kommt ihm seine eigene Kultur wie ein Spiel vor.