Auf den Berliner Festspielen ermahnten die Filmleute sich, selbst

Von Erika Müller

"Wenn nur die Länder der Welt lernen wollten, in der Sprache der Gnade statt in der des Kohlenhandels zu denken." – Bruce Marshall: "Das Wunder des Malachias"

Das Wunder ist nicht geschehen. Die Hoffnung, daß auch der zweite Spielfilm Bernhard Wiekis, "Das Wunder des Malachias", ein Meisterwurf sein würde, hat sich nicht erfüllt. Und so sind die 11. Berliner Filmfestspiele, wo kein Preis für einen überdurchschnittlichen deutschen Film (des letzten Jahres) vergeben werden konnte, auch diesmal kein Festival des deutschen Films geworden.

Wahrscheinlich sind wir alle schuld an dieser Krise. Die Filmleute selbst am meisten, weil sie sich’s leicht machen und in der Sprache des "Kohlenhandels" denken. Die Intelligenz, weil sie den Film gering schätzt. Das Publikum, weil es nicht wählerisch ist. In Berlin haben die Filmleute sich selbst ermahnt, mit den faulen Versuchen aufzuhören, das Niveau immer mehr zu senken und immer gewalttätigere und pornographischere Filme zu machen, bloß um die Besucher wieder ins Kino zu ziehen.

Kardinal Döpfner sagte während einer Pontifikalmesse für die Teilnehmer der Filmfestspiele: "Die heutige Generation mißtraut verschwärmter Romantik, sie ist sehr sachlich, nüchtern und auch verstehend geworden. Vieles hat dazu beigetragen: die Erlebnisse des Krieges und des harten Wiederaufbaues, Presse, Film, Funk und nicht zuletzt die moderne Literatur. Dabei verlieren aber viele völlig den Blick und das Verständnis für ethische Grundsätze. Ein am Vordergrund haftendes Denken faßt nicht mehr die geistigen Zusammenhänge, unterschätzt in verhängnisvoller Weise die Erfahrungen der Familie und der Eltern und steht vor allem einer religiösen Begründung des sittlichen Lebens verständnislos gegenüber. Filme der genannten Art zersetzen den letzten Rest ethischer Lebensanschauung..."

43 Nationen nahmen am Festival teil. Deutschland war nur der freundliche Gastgeber. Aber die Unordnung der modernen Zivilisation ist nicht auf Deutschland beschränkt. Allerdings bekommen andere Nationen die schwierigen und provokanten Themen sicherer in den Griff. Einer der bedeutendsten Filme, und, soweit ich bei der Fülle von etwa dreißig Spiel- und Dokumentarfilmen und fast fünfzig Kurzfilmen erkennen konnte, der sehenswerteste, war Italiens "Die Nacht" von Michelangelo Antonioni, der die Schönheit des Trostlosen liebt. Er zeichnete intensiv und ruhig, aber in ausdrucksstarken Bildern von längst ungewohnter Ästhetik die Erlebnisse, Gedanken und Gespräche eines Schriftstellerehepaares auf, das sich auseinandergelebt hat. Das ewige Thema von der Ehe und vom leichtfertigen Ehebruch wird hier in feinsten Seelenregungen gespielt. Obenan steht Antonionis Wahrheitssuche (DIE ZEIT Nr. 18). Es ist eine Bestandsaufnahme moderner Existenz und menschlicher Beziehungen, die er in Bildern auszudrücken versucht. Es ist Filmkunst von hohem Rang, für die schon ein einprägsames Wort gefunden ist: sichtbare Literatur.