In einem unserer ,,Lieblingsbücher" William S. Schlamms "Die Grenzen des Wunders", steht über Kenneth Tynan: "... im Augenblick das Liebkind des intellektuellen London und des verschmockten New York ... der bis vor kurzem im sehr respektablen Londoner ‚Observer’ geschrieben hat und dann nach New York vom berüchtigt-berühmtem ‚New Yorker‘ begierig engagiert wurde, wird heute von den geweckten Intellektuellen überall auf dem Kontinent gelesen und zitiert ... seine Theaterkritiken werden bei den eleganten Dinner-Parties viel häufiger erwähnt als die Stücke, an denen sich sein Witz entzündet."

Das ist, wie so vieles bei Schlamm, trefflich beschrieben und sogar halb richtig. Der sehr respektable "Observer" ist sehr froh, Tynan seit langem schon zurück zu haben – die ehrenvolle Gastrolle beim "New Yorker" war von vornherein auf ein Jahr beschränkt; Tynan war der Einladung um so lieber gefolgt, als er mit einer amerikanischen Schriftstellerin verheiratet ist. In Deutschland war er damals wenig und ist er auch heute noch nicht sehr bekannt – Schlamm hatte da zu ausschließlich nach seiner fleißigen ZEIT-Lektüre geurteilt. Wir freilich schätzen Tynan nicht nur als den Theaterkritiker des uns freundschaftlich verbundenen "Observer", sondern als einen der brillantesten Theaterkritiker überhaupt.

Er hat, wie kaum ein anderer einzelner, den jungen Autoren, allen voran John Osborne, zum Durchbruch auf den englischen Bühnen verholfen. Als wir ihn das letztemal sahen, hatte er gerade zweierlei für sich ganz neu entdeckt und war begeistert: Stereoschallplatten und Brecht. Seine Leidenschaft für die Welt des Theaters wird eher von gesellschaftlichen als von ästhetischen Impulsen getrieben: "Die Dramen unserer Zeit gehören eigentlich nicht in die Literaturgeschichte, sondern in die Soziologie", sagte er einmal.

So ganz jung ist er inzwischen übrigens nicht mehr – Ende dreißig und nun doch schon fast seit zehn Jahren Englands berühmtester Theaterkritiker. Persönlich wirkt er ruhig, sehr bescheiden, eher gehemmt als sich aufdrängend. Seine Gescheitheit hat freilich zuweisen etwas Beängstigendes. R. W. L.