R. H., Hamburg

In einem der kleinen Zimmer des Amtsgerichts findet die Verhandlung statt. Der Einzelrichter wartet, der Amtsanwalt wartet, Verteidiger, Dolmetscher, der Sachverständige, ein Psychiater – alle warten. Endlich, nachdem einige Male mit dem Gefängnis telephoniert worden ist, erscheint ein Wachtmeister mit dem Angeklagten und schließt die Handfesseln auf. Es kann anfangen.

Der Holländer mit dem Vornamen Kryn ist ein zerbrechlich schmaler, großer Mann mit nervösem, blassem Gesicht. Sein trauriger Ausdruck erweckt Mitleid. Und das Mitleid wurde Kryn zum Verhängnis.

Eines Tages nämlich, vor ungefähr einem Dreivierteljahr, als er gerade ganz besonders traurig war, brachte ihn ein Arbeitskollege von der Werft zum Prediger der Freien Evangelischen Gemeinde am Holstenwall. Dieser Prediger, wohl fünf bis sechs Jahre jünger als Kryn de Blom, der 1924 geboren ist, nimmt sich des Traurigen väterlich an. Er rät ihm, am Sonntagmorgen zum Gottesdienst zu kommen und lädt ihn zum Nachmittag in seine Wohnung ein.

Dort erzählt ihm nun Kryn, warum er so traurig ist: Zwei seiner vier Kinder und seine Frau sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Herr Tappert, der Prediger, spricht lange mit ihm, tröstet ihn, hilft ihm und sorgt sich um ihn. Da kommt kurze Zeit später der unglückliche Holländer mit einem Brief seiner Mutter. Darin steht, daß nun die beiden anderen Kinder ebenfalls tot sind, ertrunken beim Baden. Prediger und Freund sind sehr in Sorge, daß sich der einzige Überlebende der großen Familie das Leben nimmt, so traurig ist er. Nur eins könnte ihn noch trösten, sagt er: zum Begräbnis der beiden Kinder zu fahren. Aber sie sind in der Ferne gestorben, in Persien. Und dahin zu reisen ist teuer.

Der gute Prediger hat zwei Tage und zwei Nächte fast ohne Schlaf mit ihm zusammengesessen und versucht, ihn zu trösten. Dann sammelt er in seiner Gemeinde für den geschlagenen Vater und bekommt wirklich, nachdem er selbst noch beigesteuert hat, was er entbehren kann, siebzehnhundert und siebzig Mark zusammen. Er kauft eine Rückfahrkarte für den Skandinavienexpreß bis Amsterdam und gibt Kryn das übrige Geld in Gulden mit, damit er dafür von Amsterdam aus nach Persien fliegen kann. Er bringt ihn selbst noch zur Bahn.

"Und was haben Sie dann gemacht fragt nun der Richter.