Ein neues Stückchen von John Osborne erlebte seine Uraufführung

Von Edmund Wolf

Es sei sofort gesagt: dem Publikum gefiel es. Während der Vorstellung, der ich beiwohnte, schien das Publikum den Vorgängen auf der Bühne mit stiller Aufmerksamkeit zu folgen – fast drei Stunden lang. Es lachte an den richtigen Stellen – oder doch an den Stellen, die John Osborne dafür vorgesehen hatte, und es klatschte am Ende mit spürbarer Wärme.

Mag sein, daß es vor allem Albert Finney klatschte: ich vermute, das ist ein Teil der Erklärung – aber nur ein Teil.

"Saturday Night arid Sunday Morning" hatten Albert Finney zum Filmstar gemacht, und gerade in der Industriestadt Nottingham, wo der brillant erfolgreiche Film spielte. Darum faßte die English Stage Company wohl auch den etwas verblüffenden Entschluß, das Luther-Drama gerade dort auf der Bühne zu erproben, im viktorianischen Theatre Royal, in dessen Foyer man Hinweise auf die kommenden Attraktionen lesen kann: auf die Operetten "Wilde Veilchen", unmittelbar gefolgt von "Wildeste Träume".

Vielleicht erwartete das Publikum seinen Albert Finney auch eher in einer solchen Attraktion, als in der Rolle des Martin Luther – diese Männer in kurzärmeligen Hemden an dem tropisch heißen Abend, oder mit Arbeiterkappen, die sie während der ganzen Vorstellung nicht vom Kopf nahmen, die Mädchen, die trotz der Hitze in Pullovern dasaßen (in den industriellen Midlands ist der Pullover kein Kleidungsstück, sondern Kastenzeichen einer Klasse). Und doch, und doch – sie waren bis zum Ende aufmerksam, und sie klatschten mit großer Wärme. Genügt Finneys Leistung, das zu erklären?

Finney ist ein Schauspieler mit einem Persönlichkeitseffekt, der einen trifft, wie ein Kinnhaken. Vor zwei Jahren war er noch kaum bekannt; er wurde berühmt als Darsteller des jungen proletarischen Egomanen im heutigen Wohlfahrtsstaat, des Jungen, dem nichts heilig ist außer seinem eigenen Ich. Nun spielt er einen Arbeitersohn namens Martin Luther – ein halsbrecherisches Wagnis.