Als ich mich, mit zwanzig oder vierundzwanzig Jahren, um eine besondere Leistung mühte, war mir alle Anstrengung eine Lust, das Training ein von jeder Ethik, jedem Nutzen weit entferntes Vergnügen. Heute sorge ich mich, beinahe wie ein unzufriedener Pädagoge, um meine Kinder und beklage ihre unzureichend geschulten Kräfte, ihre ungenutzten Talente, ihre nicht voll entwickelte Körperlichkeit.

Die Bedingungen einer sich bedenkenlos multiplizierenden Menschheit beschränken ja schon bei uns sogenannten Kulturvölkern, die wir den Unterentwickelten Assistenz antragen, das natürliche Anrecht auf körperliche Freiheit, Bewegung, Betätigung, auf ein Minimum. Zweifellos ist der Andrang von Hunderttausenden zu den Spielplätzen verwandt oder identisch mit jenem Urhunger der Massen nach den Circenses, und der Voreilige mag sich und uns fragen, was für eine Bewandtnis es denn mit einer Art von Sport habe, die Hunderttausend sitzen und zusehen lasse, wie zwei Dutzend sich bewegen. Wer aber sagt uns, wie viele Tausende dort oben im Rund sitzen und den modernen Gladiatoren da unter ihr nie entwickeltes Talent, ihre Knaben-Ideale, ihren nie verwirklichten Traum anvertrauen? Verfällt nicht das ganze Dasein des modernen Menschen mehr und mehr jener grausamen Aufteilung in ein alltägliches, gleichförmiges, oft mechanisches Sein und einen kurzfristigen, trügerischen, erborgten schönen Scheint Sorgen wir uns in ausreichendem Maße um das innere und äußere Gleichgewicht dieser Massen? Bereiten wir die ständig wachsenden Massen von morgen – die junge Generation von heute – auf ihre zukünftige Hilflosigkeit und Einsamkeit vor? Denn wie anders soll man sich dieses Mißverhältnis von wenigen hochbezahlten Ernst- oder auch Spaßmachern zu den Tausenden von Claqueuren erklären als mit jenem versäumten Leben, jener Ohnmacht zu persönlicher Tat, jener Namenlosigkeit, die ihren verzweifelten Selbstbehauptungswillen an die wenigen Namen abtritt, die aus dem nivellierten Meer der Anonymität wie Felsen herausragen, an die man sich klammert, um nicht sang- und klanglos unterzugehen.

Unsere moderne Demokratie sieht sich da einem lastenden Problem gegenüber, ohne es – so scheint es oft – in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Unsere kommunistischen Nachbarn, die sogenannten Volksdemokraten, versuchen nicht nur, der Anonymität ihren bitteren Beigeschmack zu nehmen, indem sie diese Anonymität gewissermaßen zum Nenner des Ganzen machen –, sie lassen auch nichts unversucht, eine Erscheinung wie den Sport nutzbar zu machen für ihr System, indem sie ihn als politischen Trumpf, als Test für die Überlegenheit kommunistischer Lebensart ausspielen. Ich stimme in keinem Punkt mit den Theorien und Praktiken dieser Leute überein; aber ich bewundere ihre Konsequenz, ihren raffinierten Instinkt. Nachdem sie vor zwei und drei Jahrzehnten noch in jeglicher Sportbewegung ein reaktionäres Element, ein bürgerliches Vorurteil erkennen wollten, entdeckten sie den Nutzen und die Attraktion des Sportes.

Unsere Blindheit für die Gefahr, in die wir uns fortlaufend mehr hineinmanövrieren, indem wir – wie das Kaninchen auf die Augen der Schlange – immer nur auf die kommunistischen Geschützmündungen starren, wird durch unsere fahrlässige Selbstgefälligkeit übertroffen, in der wir alle außermilitärischen Bemühungen dieser Leute zu übersehen belieben. Mit Spott und Schadenfreude publizieren wir, daß sie, von denen wir wissen, daß sie auf die politische Eroberung der Welt aus sind, den Kanonen den Vorzug vor der Butter geben. (Wir leisten uns zur Zeit beides.) Wo aber können wir nachlesen, welche Opfer diese Leute auf sich nehmen, welche Aufwendungen sie machen, um der Welt zu beweisen, daß auch der Sport, auf kommunistische Art betrieben, zu besseren Ergebnissen führt als der, den man auf westlich-bürgerliche Art treibt.

Wir messen diesem Test keinerlei Verbindlichkeit bei. Wir lehnen den Staatssport und den Staatssportler ab. Wir halten die Leibesübungen jeglicher Art zunächst und zu allererst für einen Ausdruck menschlicher Daseinsfreude, für einen Akt unserer persönlichen Freiheit, eine Dokumentation unserer individuellen Begabung. Wir wehren uns – da wir Sportler sind – mit Händen und Füßen und – da wir (nehmen wir’s gutgläubig an) Demokraten sind – mit dem Herzen und dem Verstand gegen eine Politisierung des Sports. Der Staat oder das Vaterland erheben so zahlreiche und weitgehende Ansprüche auf unser Tun und Denken, unsere Talente und unser Vermögen – es ist eine Frage unserer menschlichen Würde, daß wir das Recht auf gewisse Lebensäußerungen – auf Lust, Freude, Spiel, Liebhaberei – gegen jede politische Besteuerung oder gar Umwertung verteidigen. Aber – so wie der Liebesakt, wenn er zur Wiege schlägt, eines Tages in Gestalt eines Kindergeldes im Haushalt des Familienministeriums auftaucht, so gehen auch unsere privaten Freuden und Leistungen auf mittel- oder unmittelbaren Wegen in den Haushalt der Nation ein.

Ich möchte die, wie immer geartete, sportliche Betätigung des Menschen der Begriffswelt der Kultur – im weitesten Sinne – zuordnen. Man spricht von Körperkultur, wie man von Agrikultur spricht. Dieses Kennwort Körperkultui steht nicht nur dem nackt Badenden zu, der es gewissermaßen an Stelle einer Badehose trägt. So wie Herr Fischer-Dieskau oder Herr David Oistrach auf dem Sektor der Musik Kultur in äußerster Verfeinerung repräsentieren, repräsentiert ein vorbildlicher Athlet Körperkultur. Abel selbst die (wie man meint) unpolitische Kultur ist, selbst ohne den etwas ominösen Zwitterbegriff der sogenannten Kulturpolitik, zu einem allgemeinen, zu einem Begriff der Polis, zu einem im reinsten Sinne eben politischen Begriff geworden.

Wie auch könnte sich eine so handfeste Sache wie der Sport den Konsequenzen unserer gesellschaftlichen Entwicklung entziehen! Wie aber – so wandeln wir die rhetorische in eine konkrete Frage um –, wie aber kann diese Sache Freiheit, Selbstsicherheit, individuelles Menschenrecht repräsentieren, wenn der demokratische Staat sie nicht absolut ernst nähme oder gar, Freiheit mit Fahrlässigkeit verwechselnd, die Starken durch Desinteressement schwächte, anstatt die Schwachen durch Teilnahme und Hilfe zu stärken?